Paradies für Wanderer und Bergsteiger

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Euböa - ein Griechenland en miniature Euböa - ein Griechenland en miniature

Die zweitgrößte Insel des Landes, Teil 2

Euböa, oder Evia, wie die Griechen sagen, ist ein Griechenland im Kleinen: Mit dem trockenen, wilden Süden und dem waldreichen Norden bietet die langgestreckte Insel für all diejenigen etwas, die gerne zu Fuß unterwegs und nicht auf Discos, Bars und ein lebhaftes Strandleben angewiesen sind. In dieser Folge geht es u. a. zum traditionsreichen Heilbad Edipsos, zum archäologischen Highlight Eretria sowie zu den „Drachenhäuser“ von Stira.

Von der Ostküste aus, wo einst die antike Stadt Kerinthos stand, geht es weiter durch eine verblüffend grüne Landschaft, die bisweilen ein wenig an die Schweiz erinnert, wären da nicht der scharfe Ziegenduft und das süße Pinienparfüm, die der Fahrtwind durch das offene Fenster hereinfächelt. Die Abzweigung nach Limni gilt es nicht zu verpassen. Das Städtchen an der Westküste trumpft auf mit seinen neoklassizistischen Gebäuden, den engen Gassen und den Fischtavernen direkt am Meer. Hier lässt sich vortrefflich ein Oktopustentakel verspeisen, Möwengeschrei und sanften Wellenschlag im Ohr. Die Straße folgt nun der malerischen Küste, und über Rovies gelangen wir nach Loutra Edipsou, das schon in der Antike ein Heilbad war. Der römische Feldherr Sulla soll in den heißen, schwefelhaltigen Thermalquellen seine Gicht gelindert haben, Greta Garbo war da, die Callas, Onassis und andere Berühmtheiten. Seine mondänen Zeiten als Bad und Spielsalon hat der Ort allerdings hinter sich und verströmt heute, vor allem in der Nachsaison, mit den zerfallenden Hotels und den ungepflegten Anlagen eher morbiden Charme.

Einen eindrücklichen Abschluss des Nordteils bildet die Halbinsel Lichada mit den ihr vorgelagerten Inseln – den sogenannten euböischen Seychellen. Hier laden lange Sandstrände zum Bad im türkisfarbenen Meer ein; allein wird man hier im Sommer allerdings nicht sein.

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Strandpavillon im traditionsreichen Badeort Loutra Edipsou – der marode Charme der Wintersaison

Archäologisches Highlight

Wir nehmen den Rückweg unter die Räder, fahren nun aber durchs Landesinnere, durch Platanenwälder, Wiesen, Schluchten und über einsame Hochebenen, bis wir in Chalkida die Mitte Euböas wieder erreicht haben.

Der Südteil von Euböa ist ganz anders. Es beginnt schon gleich hinter Chalkida, wenn wir uns nach Süden wenden, um unser erstes Ziel, Eretria, anzusteuern. Die Landschaft wird felsig, karg und dürr, es gibt hier weder Platanenwälder noch grüne Wiesen. Dafür kann die Südseite mit mehr Sandstränden aufwarten als der Norden, wo Kiesstrände die Regel sind.

Eretria, wo die Fähre vom Festland anlegt, ist ein archäologisches Highlight, mit einer ausgedehnten, gepflegten Ruinenanlage, einem Museum, dem antiken Burgberg, der sich wegen dem Ausblick zu erklimmen lohnt. Das antike Eretria erlebte seine Blüte im 7. und 6. Jahrhundert v. Chr., als es eine wichtige Drehscheibe im Handel zwischen dem griechischen Festland und der Levante war. Seine Geschichte wird seit vielen Jahren durch die Ecole Suisse d'Archéologie unter Prof. Karl Reber erforscht.

Wir verlassen Eretria Richtung Süden, kommen am verlandenden Distos-See vorbei, einem Dorado für Ornithologen, und erreichen das lebhafte Hafenstädtchen Karystos. Noch weiter unten beginnt der wilde Süden, der am Kap Kavo Doro endet, wo es außer einigen Ziegen, dem Fauchen des Windes und dem Tosen des Meeres nichts mehr gibt. Diese unberührte Region um den Berg Ochi ist ein Paradies für diejenigen Wanderer und Bergsteiger, denen die Einsamkeit nichts ausmacht.

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Die „Drachenhäuser“ in Südeuböa sind urtümliche Bauwerke unbekannten Alters.

Die Drachenhäuser bei Stira

Wem es dort zu abgelegen ist, der bleibe in Karystos und wandere zum mittelalterlichen Castello Rosso hinauf. Die Bergfestung wurde von Venedig zum Schutze seines Handelshafens angelegt, später von den Türken verstärkt und erweitert. Lohnend der Eindrücklichkeit wegen ist der Aufstieg zu den römischen Marmorbrüchen oberhalb des Ortes. Hier liegen Säulen von zwölf Metern Länge, die seit zweitausend Jahren auf ihren Abtransport warten – ein atemberaubender Anblick, wenn man sich vorstellt, wie die antiken Ingenieure und Hundertschaften von Sklaven diese tonnenschweren Architekturteile den Berg hinunter transportiert und über das Meer verfrachtet haben. Marmor aus Karystos war seiner farbigen Struktur wegen bei den Römern sehr beliebt; davon zeugen noch heute mehrere Bauwerke auf dem Forum Romanum in Rom.

Auf der Rückfahrt nach Norden lassen wir es uns nicht nehmen, zu den sogenannten Drakospita oder „Drachenhäusern“ bei Stira hinaufzuwandern. Die niedrigen Gebäude bestehen aus festgefügten Steinblöcken, welche kuppelartig geschichtete Plattendächer tragen. Um Behausungen für Drachen handelt es sich bestimmt nicht, jedoch sind Funktion und Alter dieser merkwürdigen Bauten unter Fachleuten umstritten. Für Hirtenunterkünfte scheinen sie zu aufwändig, für Heiligtümer gibt es keine Anhaltspunkte. Vielleicht stehen sie auch in einem Zusammenhang mit den nahgelegenen römischen Marmorbrüchen. Jeder Besucher kann sich hier selber Gedanken machen.

Fast wieder in Euböas Mitte stechen wir zur Ostküste hinüber, nach Kimi, das aus dem Fährhafen für die Insel Skyros besteht und dem eigentlichen Städtchen etwas oberhalb des Hafens. Der geschäftige Ort mit lebhafter Platia ist recht authentisch und vom Tourismus kaum berührt. Von hier aus lässt sich in einer rund zweistündigen Autofahrt entlang der Ostküste der Strand von Chiliadou erreichen. Die nur teilweise asphaltierte Strecke erlaubt dabei schwindelerregende Ausblicke auf das Meer in der Tiefe unten.

Der schöne und lange Kiesstrand von Chiliadou ist vor allem in der Vor- oder Nachsaison sehr zu empfehlen. Dann ist es hier ruhig, und die wenigen Badenden verlieren sich aus den Augen.

Und mit diesem Stichwort endet unsere Euböa-Rundschau: Auf der großen Insel ist man oft allein unterwegs, ob im Auto oder zu Fuß. Von den Hauptstraßen abgesehen ist der Verkehr spärlich, man findet einsame Wanderwege, leere Strände, kann mithin der mitteleuropäischen Hektik mit Leichtigkeit entfliehen – und was will man mehr...?

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An dieser Stelle stand die antike Stadt Kerinthos.

Fotos und Text von Geneviève Lüscher und Felix Müller

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