Andros: Von Obelix und reichen Reedern

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Fotos (© Klaus Bötig) Fotos (© Klaus Bötig)

Gefühlt reichen die Trockenstein- und Terrassenmauern Griechenlands von der Ägäis bis über den Mond hinaus. Auf der damit besonders reich gesegneten Kykladeninsel Andros scheint Obelix am Werk gewesen zu sein. Ihm reichte es nicht, kleine Schieferplättchen und -brocken in endloser Arbeit aufeinanderzuschichten. Er fügte auch noch große, senkrecht stehende Schieferplatten ein und machte so die „Xirolithies“ von Andros zu grafischen Meisterwerken.

Steine gab es auf der zweitgrößten Insel der Kykladen schon immer jede Menge. Hunderte von Bauerngenerationen haben sie von ihren Feldern geräumt und für Mauern verwendet. Einige aber hatten davon die Nase voll. Sie wurden zu Seeleuten, Kapitänen und Reedern. Vor allem nach der Gründung des neugriechischen Staates, dem Andros wie alle Kykladen von Anfang an angehörte, boomte die Schifffahrt. Erst wurde vor allem Getreide transportiert, dann begann die große Zeit der Auswandererschiffe, die nach Nordamerika fuhren. 1914 waren schon 60 Dampfschiffe andriotischer Reeder im Einsatz. Inzwischen sind die vielen andriotischen Reederfamilien längst nach Piräus, in die Schweiz, nach London oder New York übergesiedelt, ihre Pötte sind ausgeflaggt. Andriotische Nautiker werden auf ihnen aber weiterhin bevorzugt beschäftigt – und einige der Reeder kehren zumindest noch im Sommer für ein paar Wochen auf ihre einstige Heimatinsel zurück. Das merkt man der Insel irgendwie an – sie wirkt sauber, gepflegt und kein bisschen ärmlich.

Mauern und Wanderwege

Zum Reiz der außer im Frühjahr überwiegend kargen Landschaft tragen die Trockensteinmauern ganz erheblich bei. Sie überziehen die Hänge kreuz und quer. Aus der Ferne wirken sie wie hintereinander gestaffelte, völlig bizarre Reihen prähistorischer Menhire. Sie splittern die Hänge in Tausende von Parzellen auf. Sie grenzen nicht nur Grundstücke voneinander ab, sondern sollen auch das Abschwemmen von Ackerkrume verhindern und – zusätzlich mit stacheligem Gestrüpp verkleidet – das Vieh des Eigentümers sicher umschließen. Sinn für Ästhetik war wohl kaum der Grund für ihre einzigartige Schönheit: Schieferplatten lagen genug herum oder waren ganz leicht zu brechen. Sie in die Mauern einzufügen, ersparte den Bauern die Kleinarbeit mit anderen Steinen.
Zwischen den oft sogar doppelten Mauern verlaufen überwiegend gut markierte Wanderwege. Eine Engländerin war die Initiatorin des Wegenetzes. Heute kümmert sich ein internationales Team um die Pflege der Wege. Für die „Andros Route“ sind sie sogar mit dem Qualitätsprädikat „Leading Quality Trails“ ausgezeichnet worden. Dieser Fernwanderweg führt 100 Kilometer weit von Dipotamata nach Frousei quer über die fast 1.000 Meter hohe Insel. Wer weniger gehen will, hat die Auswahl aus etwa 20 kürzeren Strecken. Ein guter Ausgangspunkt für viele Wanderungen ist die Inselhauptstadt, die Chora.

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Kunstwerk Trockensteinmauer.

Die Inselhauptstadt

Das schmucke Städtchen nimmt eine lange Felszunge ein, die sich zwischen zwei Strandbuchten weit ins Meer hinaus streckt. Die auf dem Felsrücken verlaufende Hauptgasse wird in ihrer oberen Hälfte von zahlreichen guten Geschäften, Cafés und zwei kleinen Hotels gesäumt. An der unteren Hälfte findet man hingegen fast nur noch klassizistische Wohnbebauung. Zwischen beiden Hälften ist ein altes Stadttor gerade noch zu erkennen. Dieses Kamara-Tor bildete den Eingang zum schon im Mittelalter besiedelten Kastro-Viertel. An dessen Spitze führt eine schmale, nur von Mutigen zu bewältigende Brücke hinüber zur Ruine einer winzigen venezianischen Festung.
Die reichen Schiffseigner und Kapitäne der Insel haben ihrer Heimatstadt gleich drei Museen geschenkt. Am bedeutendsten ist das schon 1979 gestiftete Goulandris-Museum für moderne Kunst. Neben Werken des andriotischen Bildhauers Michális Tombrós stellt es Arbeiten vieler moderner griechischer Künstler vor. Die Sammlung umfasst auch einige Werke von Picasso, Klee, Matisse und Chagall. Jeden Sommer findet zudem eine Sonderausstellung mit zumeist zeitgenössischer Kunst statt. Das ebenfalls von Reedern finanzierte und 1981 eröffnete Archäologische Museum besitzt nur regionale Bedeutung; als sein Prunkstück gilt die im Untergeschoss ausgestellte römische Kopie einer klassischen Hermes-Statue, die wohl ein Werk des bedeutenden Bildhauers Praxiteles war. Das kleine Schifffahrtsmuseum an der Landspitze zeigt vor allem Modelle von Schiffen andriotischer Eigner. Davor steht ein monumentales Bronzedenkmal für den Andriotischen Seemann. Sehenswert ist auch der Friedhof der Chora. Da offenbart sich der Wohlstand der Reederfamilien auch noch im Tod, gibt es sogar eine Totenhierarchie: Die prächtigen Grabbauten der Schiffseigener erheben sich auf der obersten Friedhofsterrasse. Oft gleichen sie Marmortempeln, schön mit Schiffsreliefs geschmückt.

Spielplatz der Jugend

Landspitze und Burg sind der Abenteuerspielplatz der einheimischen Jugend. Hier klettern sie, hier springen sie mutig von Felsen kopfüber ins Meer. Aber auch zwei Sandstrände liegen zu beiden Seiten der Landzunge. Entlang des nördlichen verläuft die Uferstraße. Viel schöner ist der auch breitere südliche Sandstrand Paraporti Beach. Der ist auf seinen 400 Metern Länge noch völlig unverbaut, nur an seinem stadtfernen Ende duckt sich eine kleine Beach Bar mit Kuschelliegen und Palmstrohschirmen an den Fels. Richtig viel los ist da wie überall auf der Insel nur in der Ferienzeit zwischen Mitte Juni und Anfang September.

 

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Zur Chora gehört ein schöner Sandstrand mit Beach Bar.

Das ganze Jahr über still ist es im Kloster Panchrantou hoch oben am Hang über dem hinteren Teil des grünen Tals, an dessen Ende die Chora steht. Es wurde schon im 10. Jahrhundert von jenem byzantinischen Kaiser Nikeforos Fokas gegründet, der die Araber von Kreta vertrieb. Die Marienikone in der Klosterkirche soll ein Werk des Apostels Lukas und damit fast ein wahres Porträt der Gottesmutter sein. Einst lebten in diesem Konvent über 400 fromme Brüder. Jetzt sind es gerade noch drei Mönche und ihr 81 Jahre alter Abt Evdochimos. Der freut sich meist sehr über Besucher, kredenzt ihnen Wasser, Kaffee und die üblichen Loukoumia. Als Geschenk lässt er sich gern Plastikbecher mitbringen – denn der Abwasch ist nicht sein Ding.

Strände, Badeorte und Antikes

Die einzigen Orte auf Andros mit nennenswertem Auslandstourismus sind der Hafenort Gavrio und vor allem Batsi. Batsi besitzt einen langen, breiten Sandstrand direkt vor dem Ort und ein schönes, sehr kleines historisches Viertel mit stimmungsvollen Tavernen. Von Ende Juni bis Anfang September pendeln kleine Linienbusse zwischen Batsí und weiteren Stränden in der Umgebung. Man tut, was man kann, um den Tourismus zu fördern, doch der große Erfolg bleibt aus. Man liegt halt nicht an den Hauptschifffahrtsrouten von Piräus aus, hat keinen eigenen Airport. Die meisten Gäste kommen aus Athen und Attika – ein Urlaub unter Griechen ist also garantiert.
Archäologen haben oberhalb der Westküste zwei antike Siedlungen nachweisen können: Zagora aus der geometrischen Epoche (900-700 v. Chr.) und Paleopolis, das von archaischer Zeit bis in die byzantinische Epoche hinein die Hauptsiedlung der Insel war. In Paleopolis zeigt ein kleines Einraum-Museum direkt an der Hauptstraße ein paar spärliche Funde aus Paleopolis (Di.-So. 9-16 Uhr, Eintritt frei). Die sehr spärlichen Reste der Stadt liegen in den Obstgärten im weiten Umkreis verstreut, sind oft schon völlig überwuchert. Griechische Archäologen haben zwar 1956 eine hellenistische Agora, einen Tempel und eine Säulenhalle identifizieren können, doch der Besucher findet sie kaum.
Das umzäunte Gelände von Zagora darf – offiziell – nicht betreten werden. Griechische und australische Archäologen haben hier 1967-1974 die Grundrisse vieler Häuser freigelegt, die wie die kykladischen Bauten viel späterer Zeit ein Flachdach besessen haben müssen, um das Regenwasser in Zisternen anzuleiten. Außerdem fand man Überreste einer Stadtmauer, eines Stadttores und eines Heiligtums, das auch nach Aufgabe der Siedlung noch bis ins 5. Jahrhundert v. Chr. hinein benutzt wurde.

Von Klaus Bötig


 INFOS
Website: www.andros.gr (offizielle Homepage des Dimos), www.moca-andros.gr (Homepage des Goulandris-Museums), www.androsroutes.gr (für Wanderungen)
Schiffsverbindungen: mehrmals täglich mit Rafina bei Athen per Schnellschiff und Autofähre sowie mit Tinos und Mykonos. Vom Flughafen Athen fährt stdl. ein Bus zum Hafen von Rafina. Der Inselhafen ist Gavrio.
Empfehlenswerte Hotels: www.paradiseandros.gr, www.androshotelniki.com (beide in der Chora), www.androsgreece.gr (Villette Adonis bei Gavrio), www.hotelchryssiakti.gr (in Batsi), www.hotelavra.gr (für Zwischenübernachtung in Rafina, Flughafentransfer inklusive)
Pauschalreisen: www.attika.de
Wanderkarte: Anavasi-Verlag, 1:27.000, neueste Auflage 2017, www.anavasi.gr

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