Kreta, all inclusive – ein überraschend anderes Griechenland

  • geschrieben von  Hiltrud Koch
Im Norden der Insel Kreta lassen sich einige schöne Strandabschnitte entdecken. Im Norden der Insel Kreta lassen sich einige schöne Strandabschnitte entdecken.

Kreta ist immer eine gute Wahl in Griechenland. Die Mischung aus schöner Landschaft, Stränden, authentischen Dörfern, Sehenswürdigkeiten, minoischen Ausgrabungen und guter touristischer Infrastruktur ist sehr attraktiv. Bei der Größe der Insel muss man immer mal wieder kommen, und das haben wir schon oft getan. Ist es nicht eine großartige Idee, mit den Enkeln hierher zu reisen? Wir wollten mit den Kindern nach Kreta, um sie mit dem Land vertraut zu machen, das wir so lieben. Man kann auch sagen, dass unsere heimliche Absicht war, sie mit dem „griechischen Virus“ zu infizieren.

 Wir hatten die schlaue Überlegung, ein Hotel irgendwo am Strand auszusuchen – mit Pool, aber ohne „Animation“. Unterhalten können wir uns schließlich selbst. In so einer Anlage könnten sie andere Kinder zum Spielen finden. Wenn wir „All Inclusive“ wählen, könnten sie rund um die Uhr Cola und Eis bestellen, ohne uns jedes Mal fragen zu müssen.
So die Vorstellung.
Die Wirklichkeit sah anders aus.
Ein hellhöriges Haus, eine große Abfütterungshalle mit reichlichem Angebot an Speis’ und Trank. Allerdings erinnerte es nur entfernt an typisch griechisches Essen. Eis gab es lediglich als Nachtisch mittags und abends. Schade. Kratschkritschkratsch schrappten die Stühle über den glatten Fliesenboden. Andere Menschen scheinen ganz unempfindlich gegen schrille Geräusche zu sein. Statt Animation dudelte morgens, mittags und abends Musik über die Lautsprecher, vergleichsweise leise, aber doch vernehmlich. Nein, kein gemütliches, vertrautes Dingeldingeldingel der griechischen Folklore, sondern italienische Schnulzen und karibisch heiße Rhythmen. Dagegen arbeitete mancher Gettoblaster mit russischem Wummwummwumm an. Der Garten war groß genug, sodass wir ruhigere Zonen finden konnten. Außerdem fehlten am Pool vormittags noch die Nachtschwärmer.

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„Isichia“ in den Bergen

Sind wir tatsächlich in Griechenland? Fraglich. Wir befanden uns in einem Irgendwo, das genauso gut auf den Kanaren oder sonst wo sein könnte. Kein Grieche weit und breit. Griechen waren nur der Hotelmanager und die Rezeptionisten. Das Personal sprach durchaus Griechisch, es setzte sich zusammen aus Saisonkräften aus Albanien, Bulgarien und anderen Ländern. Die Gäste kamen vor allem aus Russland, aus Italien, Holland, Ungarn, aus Deutschland, wobei es auch Deutsche arabischer und türkischer Herkunft sein konnten. Sehr wohl fühlten sich deutsche Abiturienten auf großer Abifahrt, die alle paar Tage in Gruppen einfielen und sich ziemlich bemerkbar machten. Unsere Enkelin stellte lakonisch fest, dass Abiturienten und Kleinkinder sehr viel gemeinsam haben.
Selbst schuld! Wir hätten es uns denken können! Wir kennen uns eigentlich gut aus auf Kreta, nur eben nicht in solchen internationalen Hotelanlagen. Wir wissen doch, wo es schön ist, z. B. im Süden der Insel und vor allem in den Bergen. Wir fühlen uns in kleinen Familienpensionen wohl und sitzen gern in aller Ruhe auf einer schattigen Terrasse, gucken aufs Meer, lesen in unseren Büchern oder geben uns dem reinen Schauen hin. „Isichia“, Ruhe, das ist es, was wir mit Griechenland verbinden. Ja, warum haben wir uns nur unter „4 Sternen“ irgendwelchen Luxus vorgestellt?

Bei Manolis oder Petros

Luxus ist das Einfache, das Echte. Wir wissen es! Wissen es mal wieder! Abends bei einem Manolis oder Petros in der Taverne direkt am Strand zu sitzen, wo die Stühle auf dem Kies stehen, aus dem reichen Angebot an Vorspeisen und frisch Gebratenem zu wählen, die Veränderung des Lichts zu beobachten und den frischen Hauch vom Meer zu spüren; unter einem Blätterdach von Wein die Hitze zu filtern, ein Schwätzchen mit den alten Herren im Kafenion zu halten, das ist Griechenland! Jedenfalls unsere Version.
Der Norden der Insel ist an der Küste entlang ziemlich komplett mit Hotels jeder Art und Größe verbaut, allerdings sind sie höchstens ein Drittel so groß wie z. B. die in Spanien. Chersonissos, das Zentrum des kretischen Tourismus, hätten wir einfach nicht wählen sollen. Klar, es gab Gründe. Die Anfahrt vom Flughafen ist kurz. Natürlich gibt es dort schöne Strandabschnitte, einen hübschen kleinen Hafen, hier eine Kapelle und dort einen römischen Brunnen, aber es ist eher eine Kulisse für Austauschbares. Typisches, Unverwechselbares findet man hier kaum noch.

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Ein Boom für Griechenland

Unglaublich, wie die Buchten der Nordküste zugebaut sind, wie ohne erkennbare Stadtplanung die Hotelanlagen in die früheren Gärten und Felder gesetzt wurden, eins gerade, eins quer, eins schräg. Dazwischen die aufgelassenen Gärten, manchmal kleine Dorfhäuschen, immer noch viele Olivenhaine und neuerdings einige Felder mit Aloe Vera. Die Verbindungsstraßen sind ausgebaute Feldwege, viel zu eng für die großen Busse, die Gäste anliefern oder abholen. An den Durchgangs- und Strandstraßen reihen sich die Klösterläden, Cafés und Restaurants aneinander, Autovermietungen, Souvenirläden – mit allem, was ein Tourist braucht oder auch nicht. Das kennen wir von anderen Ländern, aber noch nicht von Griechenland! Das ist doch das Land des Individualtourismus – gewesen. Bis jetzt. Auf einigen Inseln oder Teilen größerer Inseln ist diese Phase eben vorbei. Auf den meisten kleinen können wir es noch haben. Und wir wissen auch, wo und wie wir dahin kommen.
Seit andere Mittelmeeranrainer von Erholung Suchenden gemieden werden und selbst niedrigste Preise daran nichts ändern, erlebt Griechenland einen Boom. Unsere TUI-Betreuerin berichtete von einer 40igen Zunahme der Reisenden in Kreta in diesem Jahr gegenüber 2017. Das scheint uns übertrieben zu sein, sie muss es aber doch wissen. Als wir versuchten, uns durch Iraklion zu schieben, konnten wir das durchaus glauben. So voll von Menschen haben wir die Stadt noch nie erlebt! Die großen Flieger ziehen alle 15 Minuten über die Bucht zum Flughafen.

Facetten des Sommerglücks

Die Zeit auf Kreta haben wir aber doch sehr genossen.
Abends muss man ja nicht am Buffet sitzen, man kann sich auch zu einem Jorgos oder einer Eleni ans Meer setzen. Keiner schreibt einem vor, da zu bleiben, wo man wohnt. Man darf sich seine Vergnügungen aussuchen. Wir wissen ja, wo man sie findet.
Mit dem Leihwagen fuhren wir über die Dörfer zur Zeushöhle, fuhren lieber nachmittags nach Knossos, als die Busse bereits weiter gefahren waren, setzten uns unter die Bäume auf die Platia beliebiger Dörfer, und schon waren wir wieder in Griechenland. Wie gut, dass die meisten Gäste wirklich am Pool bleiben und ihre All-Inclusive-Getränke dort einnehmen. So findet man am Meer noch Platz. Das Wasser ist so gut wie immer – warm, sauber, ruhig. Man kann weit raus schwimmen, die wenigen im Meer Badenden bleiben vorne im Flachen. Doch, es stimmt, eine durchgängige Beobachtung, kein Zweifel: Den meisten reicht ein Pool oder eine Sonnenliege am Strand zum Sommerglück.

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Mit Flossen und Taucherbrillen

Kreta hat uns eine neue Seite gezeigt: die Welt der Großhotels. Dieses Kreta ist überraschend, so anders, als wir es kennen. Wir werden immer wieder kommen, aber nicht mehr hierher, wo das internationale Publikum sich amüsiert und gar nicht weiß, wo es sich gerade befindet.
Mit den Enkeln unterwegs zu sein, war wunderbar. Sie haben sich am Hotelleben überhaupt nicht gestört. Sie konnten alles genießen. Sie schwammen wie Nixen im Pool und im Meer, zischten mit ihren Flossen und Taucherbrillen den kleinen Fischen hinterher und suchten schöne Steine. Im Pool tauchten sie nach verloren gegangenen Schätzen, also Mode-Schmuckstücken. Abends schauten wir nach, ob ihnen schon Schwimmhäute gewachsen waren. Sie lauschten voller Spannung den antiken Mythen, die Opa genüsslich ausbreitete. In Knossos und im Museum in Iraklion schauten sie sich aufmerksam um und fanden, dass die Restauratoren doch viel Phantasie aufgebracht hatten, um aus den wenigen Bruchstücken schöne Bilder herzustellen. Sie bedauerten die kleinen wilden Katzen, um die sich kaum einer kümmert.

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Zwischen Pool und Meer

Das, was die Kleinen von Griechenland gesehen haben, hat ihnen gefallen. Sie haben sich ganz viele griechische Redewendungen eingeprägt und bestellten schon alles selbstständig auf Griechisch. Es wird nicht schwer fallen, sie noch einmal herzulocken. So ein All Inclusive-Hotel ist ein Kompromiss und ist tatsächlich auch unkompliziert für Familien. Die Kinder lieben die Wahl zwischen Meer und Pool, und sie haben am Buffet kein Problem, sich beim Essen etwas Passendes auszusuchen.
Aber, das ist jetzt schon klar: Das nächste Mal reisen wir wieder so, wie wir es lieben! Wir ziehen mit Fähren von Insel zu Insel, wohnen in einfachen Zimmern in Familienpensionen, essen auf der schattigen Platia oder direkt am Meer, unterhalten uns mit den Menschen im Dorf – so muss es für uns sein. Wir Großeltern sind nicht geschaffen für den modernen Tourismus. Kinder sind anpassungsfähige Wesen. Sie amüsieren sich auf jede Weise.

Text und Fotos: Hiltrud Koch

Diese Reportage erschien in der Griechenland Zeitung Nr. 645 am 26. September 2018. 

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