Kykladenstädtchen und -dörfer par excellence

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Unser Foto (© GZkb) zeigt das heute unbewohnte Kloster Agios Ioannis. Unser Foto (© GZkb) zeigt das heute unbewohnte Kloster Agios Ioannis.

Wir wohnen mitten im Städtchen. Drei Minuten vom Fähranleger und den beiden Hauptplätzen der Inselmetropole Paroikia entfernt und trotzdem recht ruhig in einer kleinen Apartmentanlage im kykladischen Stil. Gefrühstückt wird im üppigen Garten des „Aegean Village“, in dem auch ein paar Hängematten zwischen die Bäume gespannt sind. Doch die können warten. Wir trinken erst einmal einen Freddo Espresso im Café direkt gegenüber eines Kronjuwels frühbyzantinischer Architektur: Der Kirche Ekatontapiliani.

Sie ist täglich vom frühen Morgen bis in den Abend hinein durchgehend geöffnet, denn sie ist nicht nur Sehenswürdigkeit, sondern auch bedeutendes Pilgerziel. Ein Baumeister aus Konstantinopel hat sie zur Herrschaftszeit Kaiser Justinians im 6. Jahrhundert errichtet. Spolien eines noch 200 Jahre älteren Vorgängerbaus aus der Zeit Kaiserin Helenas liegen zahlreich im Vorhof herum. Das Tollste an diesem sakralen Komplex: Besucher dürfen auf die ehemalige Frauenempore hinauf, die die Doppelkirche auf drei Seiten umläuft. Dadurch gewinnt man auch einen Blick hinter die Ikonostasen – und sieht fast einzigartige Zeugnisse frühchristlicher Architektur: Ein fünf- und ein siebenstufiges „Synthronon“, das jeweils wie ein Theater vollständig das Halbrund der Apsis einnimmt. Früher saßen darauf Bischöfe, Priester und andere Würdenträger, nahmen als Augenzeugen an der Verwandlung von Brot und Wasser in Leib und Blut Christi teil.

Plätze und Strände

Vom weiten Platz vor der Kirche mit seinem regen Pilgertreiben bis zum Hauptplatz zwischen Fähranleger und Altstadt sind es nur wenige Schritte. Er ist nicht schön, aber geschäftig. Die Cafés am Hafen sind stets gut mit Reisenden gefüllt, denn Paros ist für Fährschiffe das Drehkreuz in der Ägäis. Nicht nur viele Kykladen, sondern auch einige Inseln vor der kleinasiatischen Küste werden von hier aus angelaufen. Inselhüpfende Urlauber geben sich hier Tag und Nacht ein Stelldichein. Nur jeweils ein paar hundert Schritte vom Fähranleger entfernt säumen grobsandige Strände mit etwas Tamariskenschatten die weitläufige Hafenbucht. Sie machen die Inselhauptstadt Paroikia auch zu einem angenehmen Badeurlaubsort.

Kastro und Agora

Den Ortskern selbst bildet ein Kykladenstädtchen par excellence. Sein Zentrum bildet der nur 15 Meter hohe Kastro-Fels direkt über der heutigen Uferstraße. Auf ihm stand in der Antike ein Tempel, im Mittelalter eine Burg. Heute kommt man besonders gern zum Sonnenuntergang herauf oder setzt sich ein paar Schritte entfernt in eine der drei Cocktailbars zum Sundowner bei klassischer oder jazziger Musik. Am meisten historisches Flair verströmt ein haushoher Rest der venezianischen Burg. Fast ausschließlich verbaut wurden hier antike Marmorblöcke, Kapitelle, Säulentrommeln und Reste des Frieses eines antiken Rundtempelchens – Recycling à la Mittelalter. An der Burgruine vorbei führen schmale Gassen vom Kastro hinunter ins alte Bazarviertel, die Agora. Anders als auf Mykonos oder Santorin haben hier auch noch altmodische Geschäfte für den Alltagsbedarf ihren Platz behauptet, ist die alte Marktgasse nicht zur Fress- und Saufmeile verkommen.

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Sportliches Paros

Weil Santorin vor allem im Kreuzfahrttouristenstrom ersäuft und Mykonos im Geldfluss ertrinkt, gilt Paros vielen Kykladenliebhabern als Rettungsinsel zwischen beiden. Größer als die beiden berühmteren Schwestern zusammen vermag Paros viele Urlaubswünsche zu erfüllen. Wind- und Kitesurfer finden am Strand von Pounda ihre ideale Winddüse zwischen Paros und Antiparos, am Golden Beach rasen sie zwischen Paros und Naxos übers Wasser. Auch World Cup-Wettbewerbe wurden hier schon ausgetragen. Zwei Reitställe und mehrere Tauchschulen bieten ihre Dienste an, und für Yoga-Freaks gibt es in der gesamten Ägäis wohl keine bessere Adresse als das von Israelis gegründete Taos Centre mit seinem reichhaltigen Angebot auch an tageweise zu buchenden Sessions.

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Wanderbares Paros

Für Wanderer ohne hohe sportliche Ambitionen hält Paros zwei besondere Schmankerl bereit. Auf einem uralten, gut ausgeschilderten byzantinischen Heerweg wandert man schon seit Jahrzehnten zwischen dem großen Binnendorf Lefkes und dem schnuckeligen alten Dorf Prodromos durch schönste Natur, passiert dabei zwei mittelalterliche Brücken und geht teilweise über historische Stufen und Reste der ehemaligen Pflasterung. Neuerdings ist der Weg von Lefkes auch in die andere Richtung bis nach Paroikia hergerichtet und markiert, so dass man auf ihm insgesamt etwa vier Stunden lang unterwegs sein kann. Zwischen Lefkes und Paroikia kommt man dabei an den (auch per Fahrzeug erreichbaren) Bergwerksstollen von Marathi vorbei, in denen im Altertum der berühmte parische Marmor abgebaut wurde, aus dem einige der bedeutendsten Kunstwerke der Antike gefertigt sind. Seiner besonders hohen Durchscheinfähigkeit wegen galt er in der Antike als besonders wertvoll, aber auch als nur von Meisterhand zu bearbeiten. Im 19. Jahrhundert wurde hier noch einmal Marmor gewonnen: Für das Grabmal Napoleons im Pariser Invalidendom. Die Marmorstollen sind zwar völlig ungesichert, mit mindestens zwei Taschenlampen für Wagemutige aber gut zu begehen.
Ein zweites, erst kürzlich angelegtes Wanderareal ist der „Environmental and Cultural Park of Paros“ von Ai Jannis im äußersten Nordwesten der Insel. Die Pfade dort führen bis zum Kap Korakas und Kap Almiros durch ganz vom Meer geprägte Felslandschaft. Kurz bevor man das Wandergebiet erreicht, passiert man einen großen „Tarsanas“, einen traditionellen Bootsliegeplatz. Viele abgewrackte Kaikis liegen herum, Segelyachten und Ausflugsschiffe werden hier frisch gestrichen und bei Bedarf repariert. Da, wo das Wandergebiet beginnt, steht auch ein restauriertes Johannes-Kloster, das in einem Nebengebäude eine Ausstellung unter dem Motto „Paros in der russischen Kartographie“ zeigt. Wie das? Paros war in den Jahren 1770 bis 1774 einer der wichtigsten Stützpunkte der russischen Flotte im russisch-türkischen Krieg, der den Beginn des griechischen Freiheitskampfes mit vorbereitete.

Wo Tom Hanks schwimmt

Gleich unterhalb des Johannes-Klosters liegt einer der beiden großen Beach Clubs der Insel direkt am feinsandigen Strand. Am Weg von dort ins Küstenstädtchen Naoussa mit seinem bildschönen kykladischen Ortskern und dem wohl stimmungsvollsten kleinen Hafen verstecken sich die äußerst fotogenen Strände von Kolimbithres zwischen bizarren Felsbrocken und -knollen. Besonders lang und breit sind die auch bei Surfern so beliebten Pounda und Golden Beach an der West- bzw. Ostküste. Kleinere Strandbuchten sind rund um die Insel verteilt. Für leidenschaftliche Langstreckenschwimmer wird der Pounda Beach alljährlich am 17. Juli zum magischen Anziehungspunkt: Dann startet dort ein 1,7 Kilometer langer „Schwimm-Marathon“ hinüber zur kleinen Nachbarinsel Antiparos. Im Jahr 2016 hat daran sogar Hollywoodstar Tom Hanks teilgenommen. Der besitzt auf Antiparos eine Villa und verbringt dort fast jedes Jahr mit seiner Frau Rita Wilson, Produzentin von „My Big Fat Greek Wedding“, ein paar Urlaubstage.

Antikes und Museen

Fast so berühmt wie Tom Hanks war im Altertum der parische Dichter Archilochos, der älteste bekannte Lyriker der Weltliteratur. Auf einer Stele im Archäologischen Museum von Paroikia ist er auf einer Kline liegend zu sehen. Im gleichen Museum ist auch eine archaische Gorgo aus der Mitte des 6. Jahrhunderts v. Chr. ausgestellt, die als erste vollplastische Darstellung dieser mythischen Figur in der antiken Kunst gilt. Spuren hat die Antike auch unter freiem Himmel hinterlassen: Spuren von Wohnhäusern und Werkstätten zu beiden Seiten der Umgehungsstraße von Parikia, einen antiken Friedhof mit vielen schönen Sarkophagen an der Uferstraße direkt in der Stadt, Reste des Apollon-Heiligtums Delion auf einem Hügel, 60 Gehminuten nördlich vom Fähranleger, und die frühchristliche Basilika Tris Ekklisies an der Straße nach Naoussa, die an der Stelle eines Heroons für den Dichter Archilochos erbaut wurde. Unbedingt einen Besuch wert ist auch das private Freilichtmuseum von Benetos Skiadas nahe dem Inselflughafen. Da hat der ehemalige Fischer, Schmied und Steinbrucharbeiter in jahrelanger Kleinarbeit Modelle vieler berühmter Bauten aller Kykladen errichtet. Die Löwenallee von Delos und das antike Theater von Milos sind da ebenso zu finden wie die Marienkirche von Tinos. Außerdem hat Benetos Skiadas auch fleißig Schiffsmodelle gebaut. Am liebsten ist ihm da sein einst eigenes Kaiki „Popi“, mit dem er bis 1970 unterwegs war. Er hat es nach seiner Frau benannt. Stolz erzählt er, nur zwei Partner hätten ihn in seinem Leben nie enttäuscht. Beide tragen den gleichen Namen: seine Frau und sein Boot.

Von Klaus Bötig

Diese Reportage erschien in der Griechenland Zeitung Nr. 647 am 3. Oktober 2018.

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