Urlaub fast wie in alten Zeiten

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Unser Foto (© GZcb) zeigt Blick von Analipsi auf Makrygialos. Unser Foto (© GZcb) zeigt Blick von Analipsi auf Makrygialos.

In einem schmalen, langgestreckten Doppeldorf im Osten der Südküste Kretas kann man wahrhaftig noch einen Badeurlaub fast wie in den 1980er Jahren verbringen. Makrygialos und Analipsi heißen die heute völlig zusammengewachsenen Küstenorte, die  der übliche Massentourismus nahezu verschont.

Makrygialos liegt oben auf einem kleinen Felsplateau über der Küste und besitzt einen netten Hafen direkt unter dem niedrigen Steilufer. Am Hafen beginnt eine kurze, autofreie Uferpromenade,  die ins sich unmittelbar anschließende Analipsi führt, dessen bescheidene Häuser sich zu beiden Seiten einer Straße erstrecken, die heute dank neuer Umgehungsstraße kaum noch befahren wird. Ein schmaler Sandstrand unmittelbar am Hafenbecken zieht sich, teilweise mit Kies und Kieselsteinen durchsetzt, an ganz Analipsi entlang.

White Houses

Wir haben unser Quartier direkt am Hafen von Makrygialos bezogen. Ein Norweger, der schon seit 37 Jahren hier zu Hause ist, hat da nach und nach fünf alte Häuser gekauft. Der Bürgermeister schlug vor sie abzureißen und moderne Neubauten an ihre Stelle zu setzen. Der Abkömmling der Wikinger jedoch hatte Sinn für Geschichte, restaurierte sie und richtete darin Studios und Apartments ein, denen man sofort anmerkt, dass hier jemand mit Liebe seinen Job macht: Alles funktioniert, die Küche ist perfekt, die Räume sind mit skandinavischer Ästhetik  geschmackvoll eingerichtet. Auch wenn ein Gast nur für zwei Nächte gebucht hat, liegen Wein, Wasser und Milch im Kühlschrank. Auf dem Küchentisch stehen deutscher Filterkaffee und englischer Tee, ein frisches Glas Marmelade, Butter, Toastbrot und ein großer Obstkorb – und das bei einem Doppelzimmerpreis um die 100 Euro. Vor der Eingangstür schwimmt eine frische Blüte in einer Wasserschüssel zum Abspülen sandiger Füße – und ein Tisch mit zwei Stühlen direkt auf dem Gehsteig. Den darf man zwecks Schatten auch gern unter die uralten Tamarisken auf der anderen Straßenseite direkt ans Hafenbecken stellen. An diesem Tisch oder auch auf der Terrasse der Apartments  serviert eine benachbarte Fischtaverne gern ganz privat. DVDs mit klassischer Musik und Bücher kann der Gast an der Rezeption ausleihen, der feine Sandstrand ist nur 30 Schritte entfernt.

Morgenkaffee vor den White Houses SMALL

Ein Wirt aus Olympia

Da beginnt auch gleich die kurze Uferpromenade. Wir kommen nicht weit, kehren gleich ins dritte Lokal ein. „Olympio“ heißt es. Der Wirt erscheint mir recht unfreundlich. Ich habe wieder einmal den Fehler gemacht, sogleich Kugelscheiber und Notizbuch auf den Tisch zu legen. Da muss er ja befürchten, ich sei ein schlecht getarnter Kontrolleur des Finanzamts oder der Sozialversicherung IKA. Zwischen den Ästen einer alten Tamariske, die fast so knorrig wie ein Ölbaum anmutet, stehen Bücher auf einem Regal, über die kleine Terrasse wehen die Blütenblätter einer Bougainvillea. Die ist so prächtig, dass immer wieder Urlauber halten und ein Selfie mit dem Blütenwunder schießen. Wirt Dimitris taut langsam auf, als ich des Namens des Lokals wegen vermute, dass er vom Olymp oder aus Olympia stamme. Letzteres ist richtig. Wir werden noch mehrmals bei ihm und seiner Frau Chara einkehren und einen seiner kretischen Cocktails auf Raki-Basis probieren. Da wird er uns dann auch erzählen, dass seine beiden erwachsenen Söhne ins Ausland abgewandert sind: der eine nach Berlin, der andere nach Österreich. In Makrygialos sehen sie keine Zukunft für sich.

Leihbuecherei in der Bar Olympio SMALL

Prächtig unaufgeräumt

Vom „Olympio“ aus gehen wir etwa 15 Minuten weitgehend am Strand entlang. Eine schicke Beach Bar gibt es nirgends, die altmodischen Liegen sind noch aus Plastik, trendige Palmstrohschirme fehlen völlig. Beschädigte Liegen werden zwischen die Äste von Tamarisken geklemmt, um nicht im Wege zu stehen. Zwischen den Bäumen bieten Hängematten eine Alternative zur Liege. Mehrere bebaute Grundstücke grenzen an unaufgeräumte Brachen, auf denen ab und zu auch eine Ziege weidet. In den Vorgärten mancher Häuser zum Wasser hin liegt viel Plastik-Kinderspielzeug herum,  Nichts ist für die Touristen fein hergerichtet. Und die schätzen das sogar, denn viele von ihnen sind schon seit Jahrzehnten Stammgäste, wohnen in kleinen Pensionen und Apartmenthäusern, die alle in Familienbesitz sind – so wie die wenigen Tavernen, die ohne auswärtige Service-Kräfte auskommen. Zwei große All-Inclusive-Hotels mit überwiegend skandinavischen Urlaubern gibt es zwar auch, doch die stehen ganz im Osten des Ortes und stören nicht, da ihre Kunden ohnehin kaum vor die Hoteltür gehen.

Text: Klaus Bötig, Fotos: Christiane Bötig

Im zweiten Teil des Beitrags über Makrygialos und Analipsi erfahren Sie u. a. etwas über die Fische von Vagelis und von Erlebnissen bei einem Ausflug nach Koufosnissi.

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