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Umweltschutz in der Heimat des Herakles Tagesthema

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Das Kloster des Hl. Georgs am Stymfalia-See (Foto: ek) Das Kloster des Hl. Georgs am Stymfalia-See (Foto: ek)

Wir stehen, eine Besuchergruppe aus Athen, auf der Veranda des „Umweltmuseums Stymfalia“ und blicken auf den See, den man nicht sieht.

Zwischen Schilfbeständen und anderen Wasserpflanzen glitzern hin und wieder Teile seiner Oberfläche auf, während seine Uferränder nahezu nahtlos in die dichte Vegetation des Seeumlandes übergehen. Der See von Stymfalia „kommt und geht“, er versteckt sich, und er würde seit den antiken Tagen auch heute noch seine Geheimnisse bewahren – wäre da nicht dieses Museum auf der Höhe.

Von Ursula Spindler-Niros

Bei der Anfahrt von der Küste her, wenn die korinthischen Weinberge schließlich vom Weideland der Stymfalischen Ebene abgelöst werden, man das Dorf Stymfalia schon passiert hat, bleibt der See, obwohl ganz nahe, lange noch unsichtbar. Blickfang sind nur die mächtigen Ruinen einer Klosterkirche der Zisterzienser von 1236 mit gotischen Formen und antiken Steinen – eine Hinterlassenschaft des 4. Kreuzzugs, die nach 40 Jahren wieder aufgegeben wurde. Dann erscheint über der Straße das 2010 eröffnete postmoderne Gebäude des Museums, das weiß mit turmartigem Aufbau zwar von weit her auffällt, sich aber aufgrund seiner umweltfreundlichen Materialien harmonisch in die Landschaft einfügt und dessen Räumlichkeiten vorbildlich ausgestattet sind.
Die Präsentation der Objekte berücksichtigt alle Sparten, die den See von Stymfalia und sein Umland betreffen: die geomorphologischen Grundlagen, die Vegetationszonen von der Ebene bis ins Hochgebirge, Mythologie, Archäologie und Geschichte, die ebenso artenreiche wie seltene Flora und Fauna, die Lebensbedingungen der Anwohner und ihre Traditionen sowie die wasserbaulichen Eingriffe in die Natur. Modelle, Graphiken und modernste Medientechnik bereichern die Informationspalette um wissenschaftliche Hintergründe. Ebenso wie andere Besucher zieht es unsere Gruppe spontan zum vielleicht wichtigsten Ausstellungspunkt, einem Reliefmodell der Region, wo ein Lasersystem mit wechselnden Beleuchtungseffekten die Entstehungsgeschichte und die geologischen Zusammenhänge der näheren und weiteren Umgebung des Sees anschaulich macht.

Museum für Ökosystem

Das Museum wurde vom Kulturstiftungsvereins Pireos (PIOP) gegründet, der in ganz Griechenland ein Netzwerk ortstypischer Museen aufgebaut hat, um der „Persönlichkeit“ einzelner Regionen gerecht zu werden. Man will so einheimische Traditionstechnologien und ihre Voraussetzungen in der Umwelt erhalten, das Identitätsbewusstsein der Bevölkerung fördern und Touristen anlocken. Es gibt inzwischen ein Seidenmuseum (Soufli), ein Museum für Wasserkraft (Dimitsana), für Oliven und Olivenöl (Sparta) sowie Oliven-Verarbeitungstechnik (Lesbos), für Tonkeramik (Volos) und Marmorkunst (Tinos), sowie neuerdings für Silberhandwerk (Joannina) und Mastixgewinnung (Chios). Die Glieder dieser Museumskette sind wiederholt vom europäischen Kulturschutzverband „Europa Nostra“ ausgezeichnet worden. Das Stymfalia-Projekt ist zudem Teil des Netzwerks „Natura 2000“, in dem die wichtigen Ökosysteme der europäischen Länder erfasst sind. Das Museum ist Forschungsstation für Umweltschutzprogramme und initiiert wissenschaftliche Studien zu den traditionellen Berufen der benachbarten Landbevölkerung. Gemeinsam mit örtlichen Trägern und den ansässigen Gemeinden werden ganz praktische Aufgaben zur Bewahrung des einzigartigen Feuchtgebiets erfüllt. (Programm „Life Stymfalia“).

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Ständiger Wandel des Wassers

Mit einer schwankenden Ausdehnung zwischen 3,5 und 7,5, zu manchen Zeiten sogar 15 Quadratkilometern, erstreckt sich der See im Süden der Provinz Korinthia unter den höchsten Gipfeln des Kyllini: des Mavrovounio, des Gerontios und des Oligyrtos, der mit fast 2000 Metern die Grenze zu Arkadien und der Argolis bildet. Am Ende des Tals von Stymfalia steigt das Gelände über das Dorf Kastaniá hinaus zu einem steilen, dicht bewaldeten Bergrücken an und senkt sich jenseits auf die weite Hochebene von Feneós. Wo die Straße aus den Bäumen heraustritt, blicken wir hinab auf sich tief unten ausdehnende geometrische Strukturen sorgsam abgesteckter Felder – wie farbige Muster in einem abstrakten Gemälde … Dies ist die trockengelegte, größte von mehreren Hochebenen im Kyllini-Gebirge. Einst wurde sie im Rhythmus der Niederschläge periodisch von Wasser geflutet und änderte, wie heute noch andere Berggewässer der Gegend und vor allem der See von Stymfalia, ständig ihre Gestalt. Ursache dafür sind unter- und oberirdisch miteinander verbundene Wasserläufe im durchlöcherten, weit ausgedehnten Karstgestein.

Unterirdische Geheimnisse

Vor 200 bis 80 Millionen Jahren existierte hier ein Meer, das zeitweise bis zum heutigen Pindosgebirge reichte und dessen fossile Rückstände das Kalkgestein schufen, das schließlich, durch den Säuregehalt zufließenden Süßwassers angegriffen, Höhlen- und unterirdische Gangsysteme für das Wasser ausbildete. Auch die Hochebenen selbst sind Produkte, „Becken“, der sich ablagernden Wasserströme. Die am tiefsten gelegene Ebene mit dem See von Stymfalia „kommuniziert“ mit allen diesen größeren und kleineren Hochebenen und ihren teilweise versickernden Abflüssen. Ein für die Gegend erdgeschichtlich relevantes Beispiel ist der Fluss Olivios, der die Hochebene von Feneós gebildet hat und dann plötzlich versickert. Er fließt jedoch unterirdisch weiter – mit einer Abzweigung in den See von Stymfalia.

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Königsdekret für den See

Die interessantesten Phänomene, die den See prägen und schon in der Antike bekannt waren, sind die „Katavothren“: Es sind Schlünde, saugenden Trichtern gleich, die das Wasser „schlucken“ und unterirdisch forttransportieren. Sie regulieren auf natürliche Weise den Wasserstand. Sind die Katavothren „überfordert“, durch extreme Regenfälle und das Anschwellen der Zuflüsse, drohen böse Überschwemmungen, unter denen das Becken von Stymfalia immer wieder zu leiden hatte. Durch die Katavothren sind die antiken Bewohner der Gegend „Umweltschutz“ gelehrt worden: Sie mussten erfahren, dass es verheerende Folgen hatte, wenn unbekümmert im See versenkter Unrat die Schlupflöcher verstopfte: Dann lief der See bis an die Talgrenzen über!
Seit dem 19. Jahrhundert wurden Maßnahmen zur Vermeidung von Überschwemmungen sowie für die Bewässerung der Felder und neuerdings auch Frischwasserzuleitungen zu Fischzuchten durchgeführt. Die Wasserbauarbeiten betrafen das gesamte Kyllini-Gebiet, wie eine 1881 herausgegebene königliche Order gleichzeitig für Stymfalia und Feneós anweist. Die Eingriffe und die Namen der verantwortlichen Ingenieure, darunter bekannte Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, sind im Museum dokumentiert.

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Ein Aquädukt für Korinth

Interesse an einer Nutzung des Sees von Stymfalia gab es jedoch schon in der Antike. Von 130 und 138 n. Chr., zur Herrschaft Kaiser Hadrians, wurde ein Hydragogeion, ein Aquädukt, geschaffen, das von Stymfalia aus die Brunnen der Stadt Korinth mit bis zu 100 Kubikmetern Wasser pro Tag versorgte. Das meisterliche Bauwerk, ursprünglich 84 Kilometer lang und teilweise unterirdisch, ist in beeindruckenden Mauerteilen über insgesamt zwei Kilometer erhalten und kann durch Wanderung erreicht werden.
Die Kanadische Archäologische Schule hat an der Nordseite des Sees eine spätklassische bis hellenistische Stadt ausgegraben (ab 3. Jh. v. Chr.) – Teile der Stadtmauern und eines Theaters, Wohnhäuser und ein kleiner Tempel auf dem Hügel der Akropolis wurden freigelegt. Ab 146 v. Chr. siedelten die Römer hier Veteranen ihrer Legionen an. Das Stadtgebiet war offensichtlich immer wieder von Wasser überschwemmt und von Erdbeben heimgesucht und wurde schließlich aufgegeben. Pausanias hat es im 2. nachchristlichen Jahrhundert nicht mehr gefunden.

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„Menschen fressende Vögel“

In dem Gebiet lebten schon in der Altsteinzeit (100 000-35 000 v. Chr.) Menschen, eines der frühesten bewohnten Gebiete auf der Peloponnes. Der vorgeschichtliche Heros Herakles, der von Feneós stammte und durch seine „zwölf Arbeiten“ so manche frühe Umweltkatastrophe des gerade sesshaft gewordenen Peloponnes-Volks bewältigte, hat, wie der Mythos erzählt, am Stymfalischen See „Menschen fressende Vögel“ vernichtet. Man interpretiert sie als Stechmückenplage oder als Symbole für jäh über die Menschen kommende allgemeine, Tod bringende Unbilden des launischen Sees.
Elf Dörfer reihen sich heute auf verschiedenen Höhenebenen um das Seegebiet. Die Bewohner leben von Feldanbau, Imkerei, auch noch Fischerei und vor allem von Weidewirtschaft. Es ist jedem Reisenden zu raten, an einem der Landhäuser, die für den Verkauf von Käse werben, eine Rast einzulegen und den wohlschmeckenden „Graviera“ der Gegend zu probieren. Die alten Bauernhöfe, oft von wandernden Meistern aus dem arkadischen Langadia erbaut, mit Stall im Erdgeschoss, hölzerner Außentreppe und Galerie oben vor dem Wohnteil, mit Pferch, Scheune und Backofen, findet man fast nur noch auf den Fotos des Museums …

Der kleinste Balkan-Fisch

1990 wurde im Seegebiet die Jagd verboten. Seitdem hat sich der Stymfalische See zu einem Biotop entwickelt, dass einzigartig auf der ganzen Peloponnes ist. Mannshoch wachsen Gräser und Schilfe in den Feuchtwiesen, die an der Peripherie des Sees nahtlos in die ebenfalls von Pflanzen überwucherte Oberfläche des Wassers übergehen. Wer am Ufer spazieren geht, erlebt die Grenze zwischen Land und See im Sinne des Wortes „fließend“ – in den Schuhen schmatzt plötzlich das Wasser … In diesem „schwimmenden“ Umland hat man mehr als 150 Vogelarten nachgewiesen. Die Feuchtwiesen und Schilfzonen sind einzigartige Zuflucht- und Niststätten für Zugvögel und geben vielen bereits gefährdeten Arten Sicherheit zur Wiederaufzucht. Hier nisten und brüten nicht nur verschiedene Wasser-, Tauch- und Stelzvögel, sondern es kommen sporadisch auch Feld-, Sing- und sogar Raubvögel von den Bergen herunter. Unvergessliche Momente, wenn man einen stakenden Reiher oder ein Schar wilder Schwäne anfliegen sieht.
Nicht sichtbar aber ist das verborgene Leben im See selbst: Hier existieren der kleinste Fisch auf dem Balkan, der „Tsironi“, der vom Aussterben bedroht ist, und der einzigartige „Pseudofoxinus Stymfalicus“, ein „Daska“ genannter, endemisch, d. h. weltweit nur den Stymfalischen See bewohnender „Sumpffisch“, der, sollte der See im Hochsommer „verschwinden“, im Schlamm überleben kann.

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