Login RSS

Drei Todesopfer bei Massenkundgebung in Griechenland Tagesthema

  • geschrieben von 
Drei Todesopfer bei Massenkundgebung in Griechenland
Griechenland / Athen. Drei Menschen, darunter vermutlich eine schwangere Frau, starben am heutigen Mittwoch im Umfeld der Massenkundgebungen im Athener Zentrum. Ursache für dieses tragische Ereignis war ein Brand in einer Bankfiliale in der zentralen Stadiou-Straße, in der Nähe des Parlaments, der vermutlich durch Brandbomben von randalierenden Jugendlichen im Umfeld der Demonstration ausgelöst worden war. Die Feuerwehr konnte mindestens fünf Personen über Fenster und Balkons lebend aus dem brennenden Gebäude befreien. Einige der insgesamt 25 von den Flammen eingeschlossenen Angestellten waren aus dem Gebäude gesprungen, um sich in Sicherheit zu bringen.
en.
Kurz darauf geriet die Situation in mehreren Teilen der griechischen Hauptstadt außer Kontrolle. Ein weiterer Brand brach in einem mehrstöckigen Gebäude des Finanzministeriums aus. Außerdem gingen Geschäfte und mehrere Fahrzeuge in Flammen auf, darunter ein Einsatzwagen der Feuerwehr und ein Übertragungswagen eines türkischen Fernsehsenders. Besonders angespannt war die Lage auch am Syntagma-Platz vor dem Parlament, wo aufgebrachte Demonstranten auf den abgesperrten Vorplatz des Parlaments vordringen wollten. Durch den Einsatz von Tränengas gelang es der Polizei, die Kundgebungsteilnehmer von den Treppen zurückzudrängen. Die Polizeiführung hat unterdessen sämtliche Polizisten, die sich im Urlaub befanden, zurückbeordert. Rund um die Technische Hochschule (Polytechnion) kommt es weiter zu Scharmützeln. Die Polizei hat in dem daran angrenzenden Stadtteil Exarchia ein großes Aufgebot in Stellung gebracht. Exarchia gilt als Treffpunkt der Anarchoszene.
Premier Jorgos Papandreou brachte während einer Sondersitzung des Parlaments, die wegen der Todesopfer in der Bank einberufen worden ist, zum Ausdruck, dass „niemand das Recht zur Gewalt hat". Gerade in der jetzigen Lage müsste man seiner „demokratischen Verantwortung" gerecht werden. „Niemand", so der Premier, „darf mit dem Schicksal des Landes spielen". Am morgigen Donnerstag wird im Parlament über das von Athen gemeinsam mit der Eurogruppe, dem Internationalen Währungsfond und der Europäischen Zentralbank ausgehandelte Sparpaket abgestimmt. Griechenland hofft im Gegenzug auf 110 Mrd. Euro. Dieses Sparpaket, das vor allem die Beamten trifft, war der Anlass für die heutigen Massendemonstrationen. Medienberichte sprechen von 150.000 Teilnehmern, womit es sich um einen der größten Aufmärsche seit vielen Jahren handelt. 

„Es handelt sich um die sozial ungerechtesten und härtesten Maßnahmen der neueren Geschichte des Landes". So hatte der Vorsitzende der Dachgewerkschaft des Privatsektors GSEE, Jannis Panagopoulos das jüngste Sparpaket der sozialistischen Regierung von Jorgos Papandreou vor dem Streik am Mittwoch kommentiert. Damit werden den Beamten weitere 8 % bei den Zulagen gekürzt und das so genannten 13. und 14. Monatsgehalt beschnitten oder ganz  gestrichen. 20 bis 30 Prozent weniger landen in der Folge in den Portemonnais der Staatsdiener.

„Die Maßnahmen der Regierung, der EU und des IWF führen zum Umsturz historischer Errungenschaften, schaffen unsere Rechte ab und werfen die Gesellschaft auf den Stand der Sechziger Jahre zurück", kommentierte die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst ADEDY das Sparpaket. Sie streikt am Mittwoch gemeinsam mit dem GSEE sowie der kommunistischen Gewerkschaft PAME. Mit dabei sind auch die Bankangestellten, die Seeleute, Lehrer, Mitarbeiter des Notrettungsdienstes EKAB und Journalisten. Deshalb gab es am heutigen Mittwoch zunächst keine Radio- und Fernsehnachrichten; nach den Todesopfern im Umfeld der Demonstrationen entschlossen sich u.a. viele Fernsehstationen, über die Ereignisse zu berichten. Außerdem wurden zahlreiche Zugverbindungen storniert, der Flugverkehr brach komplett zusammen, weil die Fluglotsen ebenfalls streiken.

Die Wut bei einem Teil der Betroffenen ist groß. Demonstranten hatten bereits auf dem Marsch zum 1. Mai am Samstag den ehemaligen Parlamentspräsidenten Apostolos Kaklamanis angepöpelt. Etwa 50 unbezahlte Lehrer mit Zeitverträgen stürmten am Montag eine Live-Fernsehsendung des Staatsfernsehens ERT mit der Bildungsministerin Anna Diamantopoulou. Rund 200 Mitglieder der KP-Gewerkschaft besetzten am gestrigen Dienstag die Akropolis und hängten über den Felsen der antiken Festung ein Transparent mit der Parole „Peoples of Europe Rise Up" – zu Deutsch: „Völker Europas – erhebt euch".
Premier Papandreou ringt angesichts der Krise um Konsens. Bisher erhielt er auf seinen Appell, alle Parteiführer im Parlament an einen Tisch zu bringen, eine Absage. Die konservative Opposition Nea Dimokratia (ND) spricht von einem Waterloo für die Politik der regierenden PASOK, die Linke von einem „barbarischen" Sparpaket. Wenn die Menschen nicht handeln und die Köpfe gesenkt lassen würden, dann sei "die Tragödie vorprogrammiert", so die KP.
Staatspräsident Karolos Papoulis stellte am Dienstag bei einem Treffen mit Papandreou fest: „Das Volk wird die neuen Maßnahmen akzeptieren, aber es muss sich sicher sein, dass es Gerechtigkeit gibt, und dass all jene, die rechtswidrig Reichtum ergattert haben, dafür bezahlen werden". In diesem Zusammenhang soll Presseberichten zufolge rasch ein Untersuchungsausschuss eingerichtet werden, um eventuelle Vergehen von Politikern der Vorgängerregierung der ND zu verfolgen.
Jüngste Umfragen zeigen, dass ein Drittel der Griechen die Sparpolitik der Regierung mitträgt. 51 Prozent sind jedoch dagegen und wollen sich an Protesten und Streiks beteiligen. Sie überzeugt offensichtlich die Argumentation von Papandreou nicht: „Wir zahlen die Quittung für das Griechenland von gestern". (GZ / as, Foto: Eurokinissi)

Nach oben

 Warenkorb