Am Wochenende wurden in mehr als 70 Städten Griechenland Demonstrationen in Erinnerung an die Eisenbahntragödie von Tempi durchgeführt, bei der vor drei Jahren 57 Menschen ums Leben kamen. Im März beginnt in Larissa ein Prozess gegen 36 Personen. Eine mögliche Verantwortung von zwei Politikern untersucht der Areopag, das Höchstgericht.
Am Samstag (28.2.) jährte sich das Zugunglück von Tempi zum dritten Mal. Am 28. Februar 2023 kollidierten zwei Züge auf der Strecke zwischen Athen und Thessaloniki frontal; 57 Menschen fanden den Tod: überwiegend junge Leute bzw. Studenten. Einige Details des Unfalls sowie die Hintergründe einer Explosion, die dem Aufprall folgte, konnten bisher nicht schlüssig dargelegt werden.
In Erinnerung an die Opfer von damals fanden am Wochenende landesweit in mehr als 70 Städten Demonstrationen statt. Allein in Athen beteiligten sich Angaben der Polizei zufolge mehr als 40.000 Menschen an einer Kundgebung vor dem Parlamentsgebäude am Syntagma-Platz. Anschließend ist es zu Scharmützeln zwischen vermummten Chaoten und der Polizei gekommen. Mindestens 200 Personen wurden festgenommen und 19 wurden anschließend verhaftet. Unter ihnen sind auch Minderjährige.
In Thessaloniki haben Protestierende u. a. vor dem dortigen Bahnhof Blumen hinterlegt; dort wurde der Zug mit den Studenten in der Unglücksnacht erwartet. Im mittelgriechischen Karditsa (Thessalien) haben sich auch Landwirte am Tempi-Protest beteiligt.
Die Demonstranten forderten in erster Linie Gerechtigkeit und eine lückenlose Aufarbeitung der Hintergründe für das Unglück. Am 23. März beginnt in der mittelgriechischen Stadt Larissa ein großangelegter Prozess. In dem Fall müssen 36 nicht-politische Personen aussagen. Vertreten werden die Familien der Opfer in diesem Mammutverfahren von 250 Juristen. Das Verfahren wird sich voraussichtlich über mehrere Monate erstrecken; einige Beobachter meinen gar, dass es bis zur Urteilsfindung mehr als zwei Jahre dauern könnte.
Das griechische Höchstgericht, der Areopag, untersucht separat eine mögliche strafrechtliche Verantwortung des ehemaligen Transportministers Kostas Achilleas Karamanlis und des früheren Staatssekretärs beim Premierminister Christos Triantopoulos, der laut Anklage eine voreilige Aufschüttung des Unfallortes angeordnet haben soll, wodurch wertvolle Spuren verwischt worden sein könnten. Beide Politiker weisen sämtliche Vorwürfe zurück.
Premierminister Kyriakos Mitsotakis sprach von einer „Nacht, die das Land tief geprägt und unermesslichen Schmerz hinterlassen hat“. Für die Gesellschaft insgesamt „bleibt die Forderung unverändert: vollständige Aufklärung des Vorfalls und Verantwortung für die Schuldigen“. Er setzte sich dafür ein, dass der Eisenbahnverkehr in Griechenland sicherer gestaltet werden müsse. Oppositionschef Nikos Androulakis stellte seinerseits fest: „Das Andenken an die 57 Opfer der Eisenbahntragödie verblasst nicht; im Gegenteil, es dient als ständige Mahnung an die institutionelle und moralische Pflicht zur Gerechtigkeit – durch vollständige Aufklärung des Vorfalls und Verantwortungszuweisung auf allen Ebenen.“ (Griechenland Zeitung / Elisa Hübel)