Am Montag begann in der mittelgriechischen Stadt Larissa ein langerwarteter Prozess über ein tödliches Eisenbahnunglück, das sich vor drei Jahren bei Tempi in Mittelgriechenland ereignet hatte. Unter den Angeklagten sind keine Politiker. Opposition und Demonstrierende kritisierten einen viel zu kleinen Verhandlungsort für diesen Prozess, der voraussichtlich mehrere Monate dauern wird.
Nach drei Jahren und 23 Tagen und mit spürbaren organisatorischen Schwierigkeiten hat am Montag (23.3.) der Prozess über das Zugunglück von Tempi begonnen, das sich am 28. Februar 2023 ereignet hatte. Bereits am Vormittag musste der Prozess mindestens zwei Mal wegen Platzmangels unterbrochen werden.
Insgesamt werden 36 Personen vor Gericht gestellt, darunter der 60-jährige Stationsvorsteher, der in der verhängnisvollen Nacht des 28. Februar 2023 Dienst am Bahnhof von Larissa hatte. Ebenfalls verantworten müssen sich die beiden Stationsvorsteher der Nachmittagsschicht.
In dieser Nacht waren ein Güterzug und ein Passagierzug frontal miteinander kollidiert; sie fuhren auf denselben Gleisen in Gegenrichtung. Es folgte eine Explosion, die nach Ansicht vieler Experten aufgrund der Materialien, die die Züge offiziell geladen hatten, nicht hätte eintreten können. An dem Abend starben 57 Menschen. Bei den meisten Opfern handelt es sich um Studenten im Alter unter 25 Jahren. Beobachter erwarten, dass dieser Prozess mehrere Monate anhalten dürfte.
Solidarische Bekundungen
Nach langem Hin und Her wurde der Campus Gaiopolis der Universität Thessalien für den Prozess umgebaut. Wegen Platzmangels wurden am Montag jedoch Journalisten und Fotographen gebeten, den Raum zu verlassen, was für Empörung sorgte. Vor allem Familienmitglieder der Opfer haben sich beschwert, da die Presse diesem wichtigen Fall eine breitere Öffentlichkeit garantieren müsse. „Der Prozess ist öffentlich“, betonte etwa Zoi Konstantopoulou, die als Rechtsanwältin Familien der Opfer vertritt; sie ist gleichzeitig Vorsitzende der linkspopulistischen Partei Plefsi Eleftherias (Kurs der Freiheit).
Nicht ausreichend Platz gab es außerdem für die etwa 250 Rechtsanwälte, die sowohl die Kläger als auch die Angeklagten vertreten. Es handelt sich um einen Mammutprozess: Allein die Zeugenliste weist 352 Personen aus. Die Ermittlungsakte umfasst mehr als 60.000 Seiten. Nur die Anklageschrift zählt fast 1.300 Seiten. Von den Angeklagten war am Montag lediglich eine Person persönlich anwesend.
Vor dem Gerichtsgebäude hatten etwa 20 Träger und Organisationen zu einer Solidaritätskundgebung ausgerufen. Ihr zentrales Anliegen ist die Zuweisung von Verantwortung und die Herstellung von Gerechtigkeit. Die Demonstranten haben etwa mit roter Farbe die Namen der 57 Todesopfer niedergeschrieben. Auf Transparenten setzen sie sich zudem für ein sicheres Transportwesen ein.
„Kampf für Gerechtigkeit“
Angeklagt werden u. a. Führungskräfte der Griechischen Bahn (OSE), des Eisenbahn-Infrastrukturunternehmens (ERGOSE), des Eisenbahnverkehrsbetreibers Hellenic Train, der ehemalige Generaldirektor für Verkehr im Verkehrsministerium, die Leiterin der Abteilung für Eisenbahnverkehr sowie die ehemalige Präsidentin der Eisenbahnregulierungsbehörde. Einigen droht eine lebenslange Haftstrafe. Politiker müssen sich hingegen bei diesem Prozess nicht verantworten. Gegenüber der Presse erklärte Rechtsanwältin und Parteichefin Konstantopoulou: „Unser Kampf ist ein Kampf für Gerechtigkeit und für die Wiedergutmachung an den Opfern, ihren Familien, den Überlebenden und für Gerechtigkeit in der gesamten Gesellschaft.“ Ihrer Ansicht nach habe man es mit „skrupellosen, schmutzigen Machthabern zu tun“. Die Mutter eines der Todesopfer fügte hinzu: „Dieser Prozess und die Aktenlage zeigen die Korruption des griechischen Staates.“ Genau darum gehe es bei der Verhandlung. „Ich hoffe, dass wir einen ernsthaften und gerechten Prozess haben werden. Am Ende hoffen wir, dass die Schuldigen bestraft werden, egal wie hoch sie stehen.“
Maria Karystianou, eine Vertreterin der Opfer, die inzwischen auch ehrgeizige politische Ambitionen verfügt, wies darauf hin, dass ihre Tochter, die im Unglückszug saß, bei lebendigem Leibe verbrannt sei. Die Mutter wies darauf hin, dass es angesichts des ausgebrochenen Feuers „weder Ermittlungen noch Beschuldigte“ gebe. Anwesend am ersten Tag des Verfahrens war auch der Generalsekretär der im Parlament vertretenen kommunistischen KKE, Dimitris Koutsoumbas. Auch er kritisierte, dass der Hauptgerichtssaal für diese Gerichtsverhandlung viel zu klein sei. Damit werde eine „unverhohlene Vertuschung seitens der Regierung“ verfolgt. Seiner Ansicht nach gehe es darum, „Verantwortung von Ministern und anderen Regierungsvertretern“ fernzuhalten, so Koutsoumbas.
Solidarität der Eisenbahner
Der Prozessort befindet sich etwa drei Kilometer außerhalb von Larissa. Zwei der Opfer haben in dieser mittelgriechischen Stadt gelebt. Die meisten Opfer des Zugunglücks wurden in einem der beiden Krankenhäuser der Stadt behandelt. Das Unglück hatte sich in der Nähe von Larissa, bei Tempi, ereignet. Bereits 2025 wurden landeszweit zahlreiche Solidaritätsdemonstrationen durchgeführt, an denen sich hunderttausende Personen aller Altersklassen und politischer Richtung beteiligt haben. Die Demos wurden als die größten der letzten Jahre beschrieben.
Solidarität mit den Opfern der Eisenbahntragödie und ihren Familien demonstrierten am Montag auch die Eisenbahner im ganzen Land. Sie traten für 24 Stunden in den Ausstand und fordern damit ebenfalls mehr Sicherheit in ihre Branche. Die Gewerkschafter betonten, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Streik handle, sondern um eine Stimme, die eine breite Forderung der Gesellschaft zum Ausdruck bringe. (Griechenland Zeitung / Elisa Hübel)