Im Reich der Berge und Seen (Teil 1)

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Fotos (© Klaus Bötig); Hier: Das Theater von Dodoni. Fotos (© Klaus Bötig); Hier: Das Theater von Dodoni.

Dank der Superautobahn Odos Egnatia hat sich die Fahrzeit vom Fährhafen Igoumenitsa nach Thessaloniki von über fünf auf knapp zweieinhalb Stunden verkürzt. Man kann für die Strecke aber auch gut eine ganze Woche einplanen: Wenn man die Chance nutzt, Epirus und den Nordwesten Makedoniens zu erkunden.

Die Superautobahn beginnt direkt am Hafen von Igoumenitsa. Nach gefühlten hundert Tunneln und Brücken in grandioser Berglandschaft verlassen wir sie schon nach 45 stressfreien Minuten, um mit Dodoni eine der ältesten Siedlungsstätten der alten Griechen zu besuchen. Menschen leben in diesem einsamen Hochtal zu Füßen des über 1.800 Meter hohen Tomaros schon seit über 2.800 Jahren. Im weitläufigen Grabungsgelände ist das Theater, das einst etwa 18.000 Zuschauer fasste, besonders gut erhalten. Als Mikis Theodorakis noch jünger war, haben wir da einmal eins seiner berühmten Konzerte erlebt. Heute beeindruckt uns am meisten die unmittelbare Nähe zwischen Theater und Stadion. Dessen Tribünen reichen unmittelbar bis an die Stützmauern des Theaters – deutlicher kann die enge Verknüpfung von Sport und Kultur in der Antike nicht ausgedrückt werden. Wo ist sie heute?
Hauptgottheit in Dodona war Göttervater Zeus höchstpersönlich. Große Bedeutung hatte das Heiligtum auch als Orakelstätte. Priesterinnen sagten die Zukunft aus dem Flug heiliger Tauben, Loswurf und dem Rauschen der heiligen Eiche voraus. Eine Eiche steht auch heute noch an gleicher Stelle. Aus ihrem Schatten heraus lassen sich die andauernden Ausgrabungen der antiken Agora von Dodona gut verfolgen.

Ioannina – Stadt am See

Nur eine gute halbe Stunde entfernt von Dodona empfängt uns Ioannina, die Hauptstadt von Epirus. Für uns kommt nur ein Hotel in Frage: Das „Palladion“, das als einziges Haus in der Innenstadt einen sehr großen und dazu noch kostenlosen privaten Parkplatz besitzt. Von da aus sind wir in fünf Minuten zu Fuß im noch immer vollständig von osmanischen Mauern umgebenen Kastro-Viertel auf einer Halbinsel im Pamvotis-See. Mit 23 Quadratkilometern ist das bis zu 15 Meter tiefe Gewässer der größte natürliche See in Epirus. Baden sollte man darin besser nicht – trotz einiger Gegenmaßnahmen wird er vor allem durch Abwässer aus der Landwirtschaft stark belastet.
Die Hauptgasse vom Hotel zum See, die nach Lord Byron benannte Odos Vyronos, hat einen augenfälligen Wechsel vollzogen. Früher war sie die von Dutzenden kleiner Werkstätten gesäumte Agora der Stadt. Heute sind in den Gebäuden moderne Cafés und Bars angesiedelt, die vor allem von den über 20.000 Studenten der Universität des Epirus bevölkert werden. In allen bekommt man wie so häufig in Epirus üppige Mezedakia zu Bier, Wein oder Ouzo. Oft fallen sie so üppig aus, dass man nach drei Getränken kein Abendessen mehr braucht.
Der außergewöhnlichste Ort für ein Essen in Ioannina wäre das Inselchen im See, To Nisaki. Kleine Passagierfähren pendeln den ganzen Tag und Abend vom Anleger direkt neben der Altstadt hinüber. Zehn Minuten dauert die Fahrt, dann ist man in einer anderen Welt. Im völlig auto- und mopedfreien Inseldorf lebten einmal über 500 Menschen, heute sind es gerade noch 100. Zimmer werden hier zwar nicht vermietet, dennoch lebt hier fast jeder vom Fremdenverkehr. Die Tavernen üben auf die überwiegend griechischen Inselbesucher einen exotischen Reiz aus. Hier serviert man nicht nur Flusskrebse und Forellen, sondern auch Aal und Froschschenkel. Aus dem See stammen inzwischen nur noch die Aale. Die Forellen liefern Zuchtbetriebe, die Froschschenkel werden aus dem Ausland importiert.
Wir verzichten auf deren Verzehr, setzen uns lieber in ein kleines Café dorfeinwärts. Dessen Angebote sind in ein blaues Schulheft geschrieben, Gäste haben darin ihre lobenden Kommentare hinterlassen. Wir trinken erst das mit einer Prise Zimt gewürzte seltene Salepi aus den Wurzelknollen verschiedener Erdorchideen und bestellen danach einen Tresterschnaps, den Tsipouro, mit kleinem Meze, und genießen dazu Züge aus der Nargile, der in Hellas wieder stark in Mode gekommenen Wasserpfeife zu griechisch-chilliger Musik. Angenehm empfinden wir auch den altgriechischen Namen des Lokals: Dounai kai lavein – Geben und Nehmen.

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Tavernen und Pensionen gibt's in Monodendri jede Menge.

Local Hero: Ali Pascha

Danach sind wir in der richtigen Stimmung, um uns das Pilgerziel aller griechischen Inselbesucher anzuschauen: Ein kleines ehemaliges Kloster, in dem die Kopfgeldjäger des Sultans 1822 Ali Pascha erschossen, den „Löwen des Epirus“. Der in Albanien gebürtige Muslim starb 82-jährig in den Armen seiner christlichen Frau. Sein Leib wurde in Ioannina beigesetzt, sein Kopf an den Bosporus zu Mahmud II. geschickt. Ein Gemälde des Albaners Agissi Sulay aus dem Jahr 1989 im alten Kloster zeigt die Übergabe des Hauptes an den Sultan schaurig-schön.
Die meisten Griechen haben ein zwiespältiges Verhältnis zu Ali Pascha. Als nach immer mehr Unabhängigkeit von der Hohen Pforte in Istanbul strebender Fürst des Epirus hatte er zwar viele Christen auf dem Gewissen, andererseits aber unterstützte er als Widersacher des Sultans sogar den griechischen Freiheitskampf. Für eine wirtschaftliche und geistige Blüte des Epirus hatte er auf jeden Fall gesorgt. Darum gebührt ihm immerhin Respekt.

Moscheen und Museen

Um sein Grab im Kastro-Viertel von Ioannina wird allerdings wenig Aufhebens gemacht. Es dämmert ganz schmucklos vor der Fetiye, einer der beiden Moscheen dieses Stadtteils, dahin. Die gut restaurierte Asla-Pascha-Moschee dient heute als Stadtmuseum. Deutlicher als irgendwo sonst in Griechenland wird hier vor Augen geführt, dass jahrhundertelang zu fast jeder griechischen Stadt und ihrer Kulturszene drei Bevölkerungsgruppen gehörten: orthodoxe Christen, Muslime und Juden. Auch der Holocaust wird hier dokumentiert: Die Deportation von 1.960 epirotischen Juden am 25. März 1944, von denen nur 110 die deutschen Vernichtungslager überlebten.
Erfreulicheres ist aus der alten Festungsküche zu vermelden. Sie wurde samt einer angeschlossenen Bastion sehr aufwendig restauriert und dient seit 2016 als Museum der epirotischen Silberkunst. In osmanischer Zeit wurde dieses Kunsthandwerk von Tausenden von Männern vor allem in Ioannina ausgeübt. Auftraggeber waren Christen, Juden und Muslime. Auf zwei äußerst stimmungsvoll ausgeleuchteten Etagen in den alten Gemäuern werden nicht nur die schönsten Produkte gezeigt, sondern auch Geschichte und Herstellungstechnik sehr einprägsam demonstriert. Danach versteht man, den Wert von heute oft belächelten Silberfiligranarbeiten zu schätzen. Diskussionen über dadurch angerengte spätere Schmuckkäufe in den heutigen Ateliers der Stadt führt man am besten im top modern gestylten Museumscafé: Das hat die Kulturstiftung der Bank von Piräus als Museumsstifter für über 10.000 Euro mit 44 Designerstühlen vom italienischen Designstudio Magis eingerichtet. Sehr viel teurer war allerdings die Neugestaltung des Archäologischen Museums zwischen 2003 und 2008 in der Neustadt. Da sind jetzt über 3.000 Funde aus dem gesamten Epirus ausgestellt.

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Die alte Festungsküche von Ioannina wurde zum Silberkunst-Museum.

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Ioanninas Altstadt ist noch osmanisch geprägt.

Topziel: Die Zagorochoria 

Nach so intensiver Beschäftigung mit der Stadt ist nun erst einmal Naturerlebnis pur angesagt. Wir fahren auf der E 853 gen Norden Richtung albanischer Grenze und biegen dann nach rechts ab hinauf in die Berge des Nördlichen Pindos. Unser erstes Ziel ist Monodendri, eins der 46 Dörfer der Zagoria. Diese „Zagorochoria“ haben schon im Mittelalter von ihrer Weltabgeschiedenheit profitiert. Die Heere der Eroberer zogen an ihnen vorbei; der osmanische Sultan gewährte ihnen weitgehende Autonomie. Im 17. Jahrhundert entwickelten sich die Zagorianer zu erfolgreichen Fernhändlern, die mit ihren Maultierkarawanen bis nach Bukarest und Konstantinopel zogen. Sie gelangten zu Wohlstand, der sich im Bau großer Kirchen, bildschöner Brücken und stattlicher Häuser niederschlug. Im folgenden Jahrhundert konnten sie dank ihrer Autonomie ein gutes Schulsystem etablieren, das ab 1846 sogar eine der ersten Mädchenschulen Griechenlands einschloss. Im 19. Jahrhundert setzte der Niedergang ein, da viele Bewohner in das bereits von den Griechen befreite Griechenland übersiedelten. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem deutsche Truppen 25 Zagoria-Dörfer zumindest teilweise zerstörten, war die Landflucht besonders groß. Die Dörfer verarmten, niemand baute neu oder übertünchte die Natursteinmauern. So blieben die alten Dorfansichten erhalten. Als die Griechen in den 1980er-Jahren im eigenen Land zu reisen begannen, wurden die Zagorochoria für den Tourismus entdeckt. Heute kann man in vielen Dörfern in traditionellen kleinen Pensionen und Hotels wohnen und auch mitten im Hochsommer bei angenehmen Temperaturen im Anblick der Zweitausender entspannen.
Das ganze Areal ist heute zudem Nationalpark. Eine seiner Hauptattraktionen ist die Vikos-Schlucht, laut Rekordbuch des irischen Schwarzbier-Herstellers die tiefste Schlucht Europas. Die wollen wir von Monodendri aus durchqueren.

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Tiefste Schlucht Europas: die Vikos Gorge.

Von Klaus Bötig


INFOS
Gute Webseiten: www.ioannina.gr (Website des Dimos, der Gemeinde), www.amio.gr (Arch. Museum Ioannina), www.piop.gr (Silberkunstmuseum), www.lakepamvotis.gr (Ökologie des Sees), www.kkjsm.org (Holocaust), www.egnatia.eu (Autobahn)
Hotels: www.palladionhotel.gr (in Ioannina), www.itskale-hotel.gr (Ioannina, im Kastro-Viertel)
Reiseführer: Marco Polo Griechenland von GZ-Autor Klaus Bötig

 

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