Tempel oder Schatzhaus?

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Tempel oder Schatzhaus?

Der Parthenon auf der Athener Akropolis ist eines der bekanntesten Bauwerke, die aus dem Altertum auf uns gekommen sind. In den Jahren zwischen 448 und 432 v. Chr. errichtet gilt er vielen als Inbegriff des griechischen Tempels schlechthin. Gewidmet war er der Athena Parthenos, der „jungfräulichen“ Athena. Daher rührt auch sein Name (gr. Παρθενών), der gerne mit dem Begriff „Jungfrauengemach“ ins Deutsche übersetzt wird.

Für die Archäologie war der Parthenon seit jeher ein ganz besonderer Markstein der antiken Architektur, und gerade die in den letzten Jahrzehnten durchgeführten Restaurierungsarbeiten konnten unser Wissen über das Denkmal nochmals erheblich bereichern. Dennoch aber knüpfen sich an den Bau nach wie vor Fragen, die auch heute durchaus kontrovers diskutiert werden. Es mag überraschen, dass dazu ausgerechnet jene nach seiner eigentlichen Bestimmung zählt. Zwar wird er in den allermeisten Fällen als Tempel der Göttin Athena angesprochen, eine Reihe von Wissenschaftlern aber glaubt nicht, dass er wirklich ein kultisch genutzter Sakralbau war. Ein gewichtiges Argument ist für sie insbesondere das Fehlen eines Altares vor der Ostseite des Gebäudes, wie er für die Ausübung eines regulären Kults eigentlich unerlässlich wäre. Die betreffenden Forscher treten daher für eine profane, nicht-religiöse Funktion des Parthenon ein. Nach den erfolgreichen Perserkriegen habe dieser als repräsentativer Staatsbau die Größe und Macht der Stadt Athen zum Ausdruck bringen sollen, dabei möglicherweise auch als gewaltiges, jeden üblichen Rahmen sprengendes Schatzhaus gedient. Tatsächlich wissen wir ja, dass das prächtige, aus Gold und Elfenbein gearbeitete Standbild der Göttin in seinem Inneren Teil des athenischen Staatsschatzes war. Aber unabhängig davon, ob der Bau nun an einen Kult gebunden war oder nicht: Die für Athen so zentrale Verehrung der Athena als Schutzgöttin der Stadt, als Athena Polias, erfolgte niemals im Parthenon, sondern hatte ihren Platz im gegenüberliegenden Erechtheion. Dort wurde auch deren altehrwürdiges, hölzernes Kultbild aufbewahrt. (Text: Jens Rohmann; Foto: GZms)

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