„Wieso lassen sich Menschen ihre Würde nehmen?" Interview mit Oliver Haffner, Regisseur des Films „Ein Geschenk der Götter“

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„Wieso lassen sich Menschen ihre Würde nehmen?"  Interview mit Oliver Haffner, Regisseur des Films „Ein Geschenk der Götter“

Vergangenes Wochenende fand im Kino „Danaos“ in Athen eine Vorführung und Besprechung des Films „Ein Geschenk der Götter“ statt, der 2014/15 in den deutschen Kinos lief. Der Regisseur Oliver Haffner war extra aus Deutschland angereist, um den Film anschließend näher zu erläutern und Fragen aus dem Publikum zu beantworten. Dimitra Kouzi (Kouzi Productions) organisierte die Veranstaltung, moderierte und übersetzte für das griechische Publikum. Sie hatte die Produktionsleitung des Drehs in Griechenland inne. Die Ausstrahlung in Athen ist das Ende einer internationalen Werbekampagne für den Film, der mehrere Preise gewann, u.a. den „Förderpreis Neues Deutsches Kino Beste Produktion“. Die Griechenland Zeitung sprach nach dem Event mit Oliver Haffner.

GZ: Wie entstand die Idee zu Ihrem Film?

HAFFNER: Weil ich ursprünglich vom Theater komme, hatte ich schon länger vor, einen Film zu machen, der im Theater spielt. Gleichzeitig wollte ich aber auch einen Film machen, der sich damit beschäftigt, wie der Mensch seinen Wert, seine Würde behauptet, aber wie man ihm diesen Wert auch nehmen kann und warum er sich diesen Wert auch so nehmen lässt. Ich konnte mich nicht entscheiden, welchen Film ich jetzt mache. Mein Produzent schlug mir vor, beide Filmideen zusammenzubringen. Das gefiel mir, gerade auch, weil das Theater sich immer damit beschäftigt hat, Menschen auf die Bühne zu stellen, die außerhalb der Gesellschaft stehen, die nicht im Rampenlicht sind, die anders sind.

GZ: Das erklärt, weshalb Sie dem Theater einen großen Stellenwert einräumen ...

HAFFNER: Ja, im Theater habe ich begonnen zu arbeiten, heute mache ich hauptsächlich Filme, aber ich mache immer noch Theater aus Leidenschaft. Ich glaube an die Kraft des Theaters und ich habe immer noch eine Faszination dafür. Was ich daran so toll finde ist: Da hören die Leute einfach zu, das ist die Verabredung. Da kann eben manchmal etwas stattfinden, was im Leben nicht einfach so stattfinden kann, aber man kann rausgehen und einen anderen Blick auf die Dinge haben. Das kann der Film zwar auch, aber beim Theater ist die physische Präsenz des Menschen in seiner ganzen Lebendigkeit auf der Bühne das Besondere.

GZ: Warum „Antigone“?

HAFFNER: Ich habe mich für die „Antigone“ von Sophokles entschieden, weil sie für mich ein Archetyp ist für Widerstand oder für Einstehen für die Gerechtigkeit oder für die Werte, die man selbst empfindet, auch wenn der Wind einem stark entgegenbläst, oder wenn die Gesetze vielleicht sogar anders sind. Ich spüre, dass der Text, aufgrund seines Alters – er ist fast 2000 Jahre alt – eine Allgemeingültigkeit hat, von der ich finde, dass deren Kraft sich auch gut im Film überträgt. Die griechische Antike ist etwas, das so weit weg ist von der heutigen Zeit. Ich hatte erst überlegt, etwas mit „Mutter Courage“ zu machen, aber das hat so viel mit unserer Zeit zu tun. Diese Entrücktheit hat so etwas immer Gültiges.

GZ: Wieso haben Sie im Film eine Gruppe Arbeitsloser unterschiedlichen Alters in den Mittelpunkt gestellt?

HAFFNER: Weil sie nicht viel Aufmerksamkeit bekommen. Die Gegend, in der der Film spielt, ist Baden-Württemberg, dessen Image der Wohlstand ist. Die Wahl des Ortes geschah aus dem Grund, den Gegensatz herauszustellen. Es sind Menschen, denen die Würde abgesprochen wird, weil sie nicht im leistungsstarken Deutschland funktionieren – nicht wollen oder nicht können. Das Ausgeschlossensein ist versteckt, in Deutschland existiert die Neigung bei Arbeitslosen, gar nicht mehr rauszugehen und unsichtbar zu werden. Ich komme aus München, einer sehr reichen Stadt, trotzdem gibt es in München sehr viel Armut, was ich aus persönlicher Erfahrung im Bekanntenkreis weiß. Die Menschen gehen nicht mehr raus, was dazu führt, dass sie sich noch ausgeschlossener fühlen. Ich finde wichtig, dass der Film ein anderes Deutschlandbild zeigt, das man so nicht kennt.

GZ: Im Film ist ein deutlicher Bezug zu Griechenland erkennbar, einige Szenen wurden sogar dort gedreht. Warum gerade Griechenland?

HAFFNER: Als ich den Film schrieb, steckte Griechenland schon mittendrin in der Krise, und ich war erschrocken darüber, wie schnell in der öffentlichen Meinungsmache mit Klischees gearbeitet wurde, auch in Deutschland. Es war für mich ein bewusster Reiz, das Thema „Wer gilt als Loser und wer als Winner?“ zu behandeln. Im Film sind die Loser die Gruppe der Arbeitslosen, also Deutsche, die sich aber von der unerschütterlichen, positiven Kraft des Griechen Dimitri inspirieren lassen, der ein Macher ist und der sich die Würde nicht nehmen lässt. Die Würde ist nicht veräußerbar für ihn. Ich fand das ganz spannend, mit den Klischees, die in der Öffentlichkeit manchmal andersherum kommentiert wurden, zu arbeiten und zu zeigen, wie die Klischees aufeinanderprallen. Das Theater wurzelt nunmal im griechischen Drama, da kommt alles her, da kommt auch unser Europa her. Das sind unsere Wurzeln und das sind auch die Wurzeln unserer Werte.

GZ: Man könnte den Rückgriff auf das antike Griechenland auch problematisch sehen, weil Griechenland heutzutage oft auf die Antike reduziert wird. Viele Menschen, die zum ersten Mal nach Griechenland kommen, rümpfen die Nase oder sind schockiert, weil sie die Ideale aus der Antike im Kopf haben, die sie so nicht vorfinden. Denn die Gegenwart ist etwas ganz anderes, und die Antike ist eine gewisse Konstruktion.

HAFFNER: Ja natürlich, aber es ist ja toll, wenn wir uns davon inspirieren lassen. Ich denke, wenn man nach Deutschland fährt und nach Kant sucht, dann wird man auch erstmal nicht fündig. So, wie die Städte dort ausschauen oder wie dort manchmal Gesellschaft funktioniert.

Ich frage mich, warum schwimmen wir so? Weil wir in einer wertefreien Zeit leben, uns sind die Werte abhandengekommen. Was ist die Krankheit Europas? Dass es mit Geld zusammengehalten wird. Warum haben wir plötzlich Rechtspopulisten in Deutschland? Weil es gar kein Empfinden dafür gibt, was der Wert einer Demokratie ist: Freiheit, Gleichheit, Rechtssicherheit. Was es für große Errungenschaften sind, die uns in Europa einen. Da finde ich, kann man sich dann schon wieder von der Antike inspirieren lassen, was die großen Denker damals postuliert haben. Natürlich hat das nicht eins zu eins etwas mit der Gegenwart zu tun, aber ich frage mich: Warum werden heute Wirtschaftsforscher oder Wirtschaftsinstitute als größere Instanzen angesehen als alte antike Denker? Das ist eine Verschiebung, die ich nicht nachvollziehen kann. Ich glaube, wir müssen ganz woanders suchen, wenn wir einen Ausweg aus der europäischen Krise finden wollen. Aber sicher nicht bei den Wirtschaftsinstituten. Das ist etwas, das der Film auf eine bestimmte Art und Weise auch erzählt. Es ist nicht wichtig, ob die Figuren am Ende des Films wieder Arbeit finden. Vielleicht findet keiner von ihnen Arbeit, das bleibt offen. Aber sie haben ihren Wert wieder. Der Wert des Menschen hängt nicht davon ab, ob er Arbeit hat oder nicht. Wir müssen, denke ich, alle wieder über den Tellerrand gucken und uns von ganz anderen Dingen inspirieren lassen – auch z. B. wie wir unsere Gesellschaften organisieren. Wir stecken einfach so tief drin in diesem ökonomischen Denken.

GZ: Das deutsch-griechische Verhältnis ist auch ein Thema. Wie stehen Sie dazu?

HAFFNER: Ich bewerte das rein aus meinem persönlichen Empfinden heraus, weil ich glaube, dass wir in einer globalen Welt leben. Es ist die Mensch-zu-Mensch-Begegnung. In meiner Biographie hat Griechenland immer eine große Rolle gespielt. Ich bin in München aufgewachsen, da gab es eine griechische Gemeinde, meine Eltern hatten viele griechische Freunde, mit denen ich groß geworden bin. In meiner Jugend habe ich in Griechenland oft Urlaub gemacht. Es ist toll für mich, dass ein Teil der Dreharbeiten auch hier stattgefunden hat. Ich habe immer ein sehr positives Bild von Griechenland gehabt, und ich verstehe überhaupt nicht, warum man plötzlich aus diesen ökonomischen Gründen eine gewachsene Völkerfreundschaft riskiert. Ich verstehe das nicht, es ist mir unbegreiflich. Ich sehe dem aber sehr optimistisch entgegen, wenn ich an die junge Generation denke. Viele junge Griechen sind jetzt in Berlin, wegen dieser Situation. Die jungen Leute kommunizieren miteinander, die Welt wächst zusammen, man kann gar nichts dagegen machen! Die Krise, die wir gerade erleben, ist für mich nochmal ein Aufbäumen irgendwelcher alter Kräfte. Aber ich sehe der Zukunft sehr positiv entgegen. Meine Einschätzung ist, dass die junge Generation sowohl in Griechenland als auch in Deutschland keinen Bock auf so was hat. Ich glaube, dass die ökonomischen Kriterien für sie gar nicht mehr das Entscheidende sind, wie sie ihr Leben organisieren möchten.

GZ: Was treibt Sie an, was inspiriert Sie bei Ihrer Arbeit als Theater- und Filmregisseur?

HAFFNER: Was mich immer antreibt ist, vom Menschen zu erzählen. Ich gehe immer von den Figuren aus, ich bin kein essayistischer Erzähler. Ich habe Ideen zu Figuren, was Menschen miteinander machen oder was sie sich gegenseitig antun. Daraus entwickele ich eine Idee. Ich glaube, dass der Zuschauer im Kino manchmal ein besserer Mensch ist als in der Realität, weil er dort bereit ist, Dingen zuzugucken, denen er in der Realität ausweicht. Er übt im Kino auf eine Art und Weise Empathie. Ich glaube an diese empathische Kraft des Kinos. Daher ist es mir wichtig, dass ich ein Kinoereignis habe, das den Zuschauer nicht mit einem negativen Gefühl rausgehen lässt, sondern dass er gestärkt in die Welt hinausgeht. Ich denke, dass man das auch gut mit Humor machen kann. Das ist das, was die Leute lockt. Dann öffnen sie sich vielleicht auch den schweren Themen. Ich denke, eine Aufgabe von Film ist es, Menschen aus anderen Teilen der Welt zu sehen und an ihrem Leben teilzuhaben. Das lässt die Menschen zusammenrücken.

Interview und Foto: Anna Kassaras

Der Film wird am kommenden Wochenende – Samstag, dem 23. April, und Sonntag, dem 24. April, jeweils um 15 Uhr – im Kino „Danaos“ ein letztes Mal gezeigt. Adresse: Leoforos Kifissias 109. Außerdem läuft der Film noch täglich bis Mittwoch, den 27. April um 18.25 Uhr im Kino „Diana“. Adresse: Perikleous 14, Marousi.

Auf dem Foto sind Regisseur Oliver Haffner und Koproduzentin Dimitra Kouzi (Kouzi Productions) im Eingangsbereich des Kino „Danaos“ vor dem Plakat des Films „Ein Geschenk der Götter“ zu sehen (v.l.n.r.)

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