Vom Aufstieg und Niedergang einer großen Stadtkultur

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Auf dem Gipfel von Akrokorinth (Foto: © Griechenland Zeitung  / Arn Strohmeyer). Auf dem Gipfel von Akrokorinth (Foto: © Griechenland Zeitung / Arn Strohmeyer).

Kaum eine antike Kommune hat eine so wechselvolle und grausame Geschichte durchlebt wie Korinth – Ein Besuch

Hat die Stadt Korinth von den Korinthen ihren Namen bezogen oder umgekehrt die Korinthen von der Stadt? Dieses Problem mögen Altphilologen lösen. Tatsache ist in jedem Fall, dass das antike Korinth auch aus dieser kleinsten Rosinenart, die aus der Rebsorte Korinthiaki hergestellt wird, einen Teil seines legendären Reichtums bezog. Die Stadt auf der Landenge (Isthmus) zwischen der Peloponnes und dem griechischen Festland war in seinen Blütezeiten eine kosmopolitische und multikulturelle Metropole, die im Luxus schwelgte. Sie war so reich, dass schon in der Antike das Sprichwort aufkam: „Nicht jede Sache ist eine Reise nach Korinth wert!“ Was heißen soll, die Preise waren dort so hoch, dass man es sich überlegen sollte, dorthin zu reisen.

Untergegangenes Welttheater

Was heute natürlich nicht mehr gilt. Ganz im Gegenteil, die Stadt und ihre Umgebung mit all ihren landschaftlichen und historischen Sehenswürdigkeiten ist ein Magnet für Touristen. Aber wenn man heute von Korinth spricht, denkt der fremde Besucher eher an die antike Ruinenstadt als an die moderne Stadt gleichen Namens (griechisch Korinthos), die einige Kilometer nördlich vom alten Korinth liegt. Durchaus zu Unrecht, denn auch dieses kleine Hafenstädtchen mit seinen 30.000 Einwohnern, die immer noch den mythischen Pegasus im Stadtwappen führt, ist einen Abstecher wert.

Aber die große Faszination ist natürlich die antike Ruinenstadt mit ihrem alles überragenden im dorischen Stil zwischen 550 und 520 v.u.Z. gebauten Apollon-Tempel, von dem noch sieben Säulen stehen. Was fast an ein Wunder grenzt angesichts der bewegten Geschichte dieser Stadt. Denn dieses Bauwerk ist neben dem Theater eines der wenigen Überreste aus der griechischen Zeit. Blickt man heute von der Höhe des Tempels auf die Überreste der antiken Stadt, dann hat man in etwa den Eindruck, den der Besucher von Korinth hatte, als es die Hauptstadt der römischen Provinz Achaia war. Der Blick von diesem Hügel auf die alte Stadt mit der Agora, den Läden, heiligen Brunnen, Bädern, Märkten, dem Gerichtsplatz, dem Theater und dem Odeion ist wie ein Blick auf ein sehr buntes, aber auch sehr grausames und untergegangenes Welttheater. Denn es ist fast unvorstellbar, was sich hier im Lauf von Jahrtausenden und Jahrhunderten abgespielt hat, von dem das von den Archäologen freigelegte Gelände aber kaum noch etwas verrät.

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Grabungsarbeiten in Korinth.

Krieg als Normalzustand

In der Zeit, aus der die hier sichtbaren römischen Überreste der Stadt stammen, hatte Korinth wieder einmal eine Blütezeit erreicht, nachdem die Römer der Metropole die schlimmste ihrer Niederlagen zugefügt hatten. Als der Achaische Bund, dem Korinth angehörte, Sparta den Krieg erklärte, eroberte die römische Armee unter ihrem Feldherrn Lucius Mummius 146 v.u.Z. die Stadt und zerstörte sie vollständig. Alle männlichen Einwohner wurden umgebracht, Frauen und Kinder in die Sklaverei verschleppt. Julius Caesar gründete dann 44 v.u.Z. die Stadt neu und besiedelte sie mit Freigelassenen aus Rom. Korinth war nun eine römische Kolonisten-Stadt, in der lateinisch gesprochen wurde. Zugleich war es der Verwaltungssitz der römischen Provinz Achaia.

Die Beschreibung des wechselvollen Schicksals dieser Stadt würde viele Bände füllen. Immer ist die Geschichte Korinths aber auch mit der großen Weltgeschichte verbunden. Ihr Reichtum, der aus dem Handel mit Bronze- und Tonwaren sowie mit Parfümerieprodukten, Purpur und Stoffen herrührte, muss fremde Herrscher magisch angezogen haben. Gewaltsame Auseinandersetzungen und Kriege waren fast der Normalzustand für Korinth, das auch wegen seiner strategisch wichtigen Lage begehrt und umkämpft war.

In der ältesten Zeit wechselten sich Könige, Tyrannen und Adelige – später auch Demokraten – in der Herrschaft ab. Immer wieder lag Korinth mit der konkurrierenden Handelsmetropole Athen im Streit, was 431 v.u.Z. auch zum Ausbruch des Peloponesischen Krieges führte. Später besiegelte der makedonische König Philipp II. hier das Bündnis mit den Griechen. Nach dessen Ermordung wählten die Griechen hier seinen Sohn Alexander, den man später den „Großen“ nannte, zum gemeinsamen Anführer für den geplanten Feldzug gegen die Perser.

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Blick auf das ausgegrabene antike Korinth.

Briefe an die Korinther

Es sei nur angedeutet, wer die Stadt in der Folgezeit in Besitz nahm und beherrschte, was immer mit Zerstörung, Mord und Vertreibung verbunden war. Nach den Makedoniern kamen die Ägypter, Spartaner, Römer, Westgoten, Slawen, Byzantiner, Franken, der Johanniterorden, Venezianer, Türken und im Zweiten Weltkrieg die Deutschen. Im griechischen Freiheitskampf zu Beginn des 19. Jahrhunderts gegen die Türken spielte Korinth dann eine wichtige Rolle, es sollte sogar die Hauptstadt eines freien griechischen Staates werden.

Neben fremden Eroberern hatte Korinth noch einen anderen mächtigen Gegner: ständige Erdbeben suchten die Stadt heim und zwangen die Bewohner, in der Mitte des 19. Jahrhunderts umzuziehen und ihre Gemeinde am Meer neu zu errichten.

Die vorübergehende Anwesenheit eines Mannes hat Korinth auch seinen Platz in der Religionsgeschichte gesichert: des Apostels Paulus. Auf seiner Missionsreise kam er im Jahr 50 n. Chr. hierher, blieb 18 Monate und versuchte in dieser Zeit, eine Gemeinde aufzubauen. Er stieß bei den Juden der Stadt auf massiven Widerstand. Wegen dieser Unruhen musste er sich vor Gericht verantworten, die Richtertribüne (Bema) ist heute noch zu sehen. Seine Mission in der Stadt war aber durchaus erfolgreich. Aus Ephesus schrieb er die ins Neue Testament aufgenommenen Briefe an die Korinther. Er kehrte später mehrmals nach Korinth zurück.

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Der Tempel der Octavia, der Frau des Augustus.

Eine Beschreibung dieser einmaligen Stadt ist unvollständig, wenn man den Kanal durch den Isthmos, den Diolkos, das Heiligtum von Isthmia, Akrokorinth und Nemea nicht erwähnen würde. An dem Projekt, die Landenge zu durchbrechen und einen Kanal für die Schifffahrt zu schaffen, hatten schon Alexander der Große, Cäsar, Caligula und Nero gearbeitet, waren aber alle gescheitert. Stattdessen bauten die Korinther eine Straße (den Diolkos), auf der die Schiffe auf Wagen von dem einen Ende des Isthmus zum anderen gezogen wurden. Reste dieser Straße sind erhalten geblieben. Erst 1893 wurde der Durchbruch geschafft und der neue Kanal fertiggestellt.

Fantastischer Rundblick

Wer erinnert sich nicht an Friedrich Schillers Gedicht „Die Kraniche des Ibykus“, das man zu Schulzeiten auswendig lernen musste: „Zum Kampf der Wagen und Gesänge, der auf Korinthos‘ Landesenge der Griechen Stämme froh vereint, zog Ibykus der Götterfreund ...“ Ibykus zog zum Heiligtum des Poseidon, wo im zweiten und vierten Jahr jeder Olympiade die isthmischen Spiele gefeiert wurden. Zu den Sportarten zählten Laufwettbewerbe, Fünfkampf (Springen, Laufen, Diskus- und Speerwerfen sowie Ringen), Faust- und Ringkampf, Pankration (Verbindung von Ringen und Boxen), Pferdewettrennen und Wagenrennen. Später wurden auch Musikwettbewerbe abgehalten. Die Sieger bekamen einen Kranz aus Pinien, später aus Sellerieblättern. Von der Anlage des isthmischen Heiligtums ist nicht allzu viel erhalten, aber die Gundrisse sind noch gut zu erkennen. Schöne Belege für das Geschehen im Heiligtum sind im Museum zu sehen.

Ein Aufstieg auf den 575 Meter hohen Akrokorinth-Felsen mag bei Sommerhitze mühsam sein, der Lohn ist aber ein fantastischer Rundblick auf das Parnass-Gebirge im Norden, den Golf von Korinth, den Isthmus im Nordosten und den Saronischen Golf. In der Antike war Akrokorinth die befestigte Akropolis von Korinth und mit der Stadt durch eine Mauer verbunden. Heute ragt auf dem Gipfel ein Turm aus osmanischer Zeit in den Himmel. In der Antike stand hier seit dem 5. oder 4. Jahrhundert v.u.Z. ein Tempel der Liebesgöttin Aphrodite. In ihm sollen bis in hellenistische Zeit Tausende von Tempelprostituierten Dienst getan haben. Die Wissenschaftler/innen streiten sich aber noch, ob es sich hier um ein historisches Faktum oder eine Ausgeburt der Fantasie gehandelt hat.

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Der Tempel des Apollon.

Fruchtbarer Boden Nemeas

Ein Höhepunkt einer Reise nach Korinth sollte ein Ausflug ins nahe Nemea sein. Diese schon in der Antike bedeutende Stadt besitzt zwei Attraktionen: ihre archäologischen Zeugnisse und ihre Weine. Von dem mächtigen Zeus-Tempel, der um 330 v.u.Z. errichtet wurde, stehen noch acht Säulen, in seiner Krypta befand sich vermutlich ein Orakel. Im Stadion der Stadt, das um dieselbe Zeit wie der Tempel gebaut wurde, fanden alle zwei Jahre im Sommer die panhellenischen Spiele statt. Die Gesamtlänge der Arena, in die ein Tunnel führt, beträgt 178 Meter. Die Wettkämpfe umfassten dieselben Disziplinen wie in Isthmia. Die Gemeinde hat die Spiele nach fast 2.000 Jahren wieder ins Leben gerufen, 2010 fanden sie zum ersten Mal wieder statt. Wie damals kämpfen die Athleten in antiker Tracht um den Sieg. Ein fantastisches Bild! Auf dem fruchtbaren Boden Nemeas wachsen hochwertige Weine – besonders trockene Premium-Rotweine der höchsten Qualitätsstufe. Einen Besuch auf einem der Weingüter mit einer Probe dieser edlen Tropfen sollte man nicht versäumen!

Im ersten Jahrhundert n.u.Z. durchwanderte der griechische Schriftsteller Pausanias Hellas und beschrieb akribisch all die baulichen und künstlerischen Herrlichkeiten, die die griechische Antike hervorgebracht hatte. Ihn muss die Angst umgetrieben haben, dass die Säulen bald nicht mehr stehen würden – eine Befürchtung, die sich bestätigte. Auf dem Rundgang durch das antike Korinth äußert der britische Direktor der Ausgrabung, der Archäologe Guy Sanders, einen ähnlichen Gedanken. Mit Sorge, sagt er, denke er daran, dass kommenden Generationen die Beschäftigung mit der Geschichte vielleicht nichts mehr bedeuten werde. Gehen wir also einer Zeit entgegen, die die eigenen Ursprünge, ihre Zeichen, Symbole, Stile und Aussagen nicht mehr versteht? Besteht die Gefahr, dass auf Ausgrabungsstätten wie Korinth wieder Gras wächst?

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Der Kanal von Korinth.

Von Arn Strohmeyer

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