Die Pistole des Achill

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Foto (© wikipedia): Thetis gibt ihrem Sohn Achilleus seine neuen, von Hephaistos geschmiedeten Waffen. Ausschnitt einer Schwarzfigurenmalerei auf einer attischen Hydria 575–550 vor Chr, Louvre Foto (© wikipedia): Thetis gibt ihrem Sohn Achilleus seine neuen, von Hephaistos geschmiedeten Waffen. Ausschnitt einer Schwarzfigurenmalerei auf einer attischen Hydria 575–550 vor Chr, Louvre

Es war einmal ein Gelehrter, der sammelte Volkssagen. Und als er vor einigen Jahrzehnten auf der Insel Skyros weilte, erzählte ihm ein Einheimischer, dass Odysseus hier einmal vorbei gekommen sei, um Achill zum Kampf gegen Troja mitzunehmen. Achill habe sich als Frau verkleidet im Palast versteckt, aber als Odysseus in der Gestalt eines Händlers den Töchtern im Hof seine Ware, lauter Frauenzeug, ausgebreitet und darunter auch eine Pistole gelegt habe, sei Achill aufgesprungen … usw., usf.

Die Geschichte kommt in der Ilias vor: Achill hatte sich, auf den Rat seiner Mutter, als Frau verkleidet im Hof des Lykomedes versteckt, um nicht nach Troja ziehen zu müssen. Odysseus nahm aber die Angelegenheit an sich: Er tauchte als Händler auf, breitete Ware zur weiblichen Verwendung aus, worunter aber Achill ein Schwert entdeckte und sofort danach griff. Er zog schließlich mit Odysseus in die Schlacht und wurde zum größten Held des Trojanischen Krieges. Es kann natürlich sein, dass Sie das alles aus der Ilias wussten, oder davon gehört haben. Doch die andere Geschichte geht weiter. Der Gast auf Skyros und Volkssagensammler kam nicht umhin, auf die Erzählung des Mannes zu bemerken, dass in jener alten Heldenzeit Waffen von der Art der Pistolen gar nicht existierten. Das wiederum empörte den Erzähler auf Skyros furchtbar, der den Gelehrten dann zurechtwies: Das stünde wohl in fremden Büchern. Besser soll er ihm glauben, „denn wir, wir sind hier geboren und wissen darin Bescheid!“ Was den Gelehrten – es war Ioannis Kakridis – vielleicht überlegen ließ, dass Unwissen manchmal gegen besseres Wissen auch ein festes Fundament haben kann, z. B. den unerschütterlichen Glauben an sich selbst – nicht selten bei den Griechen.

Danae Coulmas

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