„Lagerhallen von Seelen“: Proteste für die Lösung des Flüchtlingsproblems Tagesthema

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Unsere Fotos (© Eurokinissi) entstanden am Mittwoch (22.1.) auf Samos bzw. Lesbos. Unsere Fotos (© Eurokinissi) entstanden am Mittwoch (22.1.) auf Samos bzw. Lesbos.

Am Mittwoch (22.1.) demonstrierten tausende Menschen auf den Ägäis-Inseln Lesbos, Chios und Samos. Gouverneur Moutzouris traf sich in Athen u. a. mit Migrationsminister Mitarakis. Einig war man sich, dass auf den Ägäis-Inseln ein akutes Problem existiert. Für eine mögliche Lösung wurde aber kein gemeinsamer Nenner gefunden.

„Wir wollen unsere Inseln und unser Leben zurückbekommen.“ Das war das zentrale Motto bei Demonstrationen, die am Mittwoch (22.1.) parallel zueinander auf den Ägäis-Inseln Lesbos, Samos und Chios stattfanden. Tausende Insulaner protestierten für die Schließung der dort bestehenden Aufnahmezentren für Asylsuchende. Sie beklagten, dass bis zu 50.000 Menschen unter äußerst schlechten und unhygienischen Bedingungen oft monatelang in den bestehenden Lagern und sogar auf umliegenden Grundstücken in provisorischen Behausungen leben; darunter sind auch viele Kinder.

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(Lesbos)

Unmenschliche Bedingungen
In einer Resolution sprechen die Protestler von „Lagerhallen für Seelen entwurzelter Menschen“. Die Insulaner fordern die Übersiedlung der Flüchtlinge und Immigranten an Orte, wo „menschenwürdige Lebensbedingungen“ herrschen. Zudem votieren sie klar gegen geschlossene Aufnahmezentren, wie sie die konservative Regierung unter Premierminister Kyriakos Mitsotakis (Nea Dimokratia) schaffen will. Letztendlich forderten die Demonstranten, dass die Aktivitäten jener Nichtregierungsorganisationen überprüft werden müssten, die auf den genannten Inseln im Einsatz sind.
Auf den Inseln Lesbos und Samos waren jeweils rund 7.000 Menschen auf die Straße gegangen, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Begleitet wurden die Kundgebungen von einem Streik: Für mindestens drei Stunden hatten am Mittwoch private Geschäfte aber auch staatliche Institutionen auf den Inseln geschlossen.
Der Bürgermeister von Lesbos Taxiarchis Verros stellte dazu fest, man könne nun nicht mehr sagen, dass man von all dem nichts gewusst habe. Lesbos könne nicht weiterhin allein belastet werden, während man in Athen, im Rest Griechenlands und in Europa „in Ruhe schläft“.

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(Lesbos)

„Schweigendes Einverständnis“ mit der EU
Der Gouverneur der nördlichen Ägäis Kostas Moutzouris sprach davon, dass die Inseln seiner Region ein Sammelbecken für Menschen aus 80 Ländern geworden seien. Diese Situation sei durch ein „schweigendes Einverständnis“ zwischen der EU mit der griechischen Regierung zustande gekommen. Der ehemalige Universitätsrektor sprach außerdem von einem Plan des Bevölkerungsaustauschs. Außerdem warnte er, dass „die Heimat in Gefahr“ sei.
Am Donnerstag (23.1.) traf sich Moutzouris in Athen mit dem Minister für Migration Notis Mitarakis sowie mit Staatsminister Jorgos Geraperitis. Mitarakis stellte fest, dass Maßnahmen zum Aufbau des Vertrauens zwischen der Regierung und den Bewohnern der Inseln umgesetzt werden müssten. Die derzeit bestehenden Aufnahmelager würden schon bald geschlossen. Eines der zentralen Ziele der Regierung sei es, diese Inseln vom Flüchtlingsproblem zu entlasten. Das bedeutet, dass die Rückführungen jener Immigranten in die Türkei, die kein Recht auf internationalen Schutz haben, beschleunigt werden müssten. Mitarakis räumte ein, dass die Reaktionen der Insulaner gerechtfertigt seien. Was Gouverneur Moutzouris betrifft, so musste dieser nach dem Treffen allerdings feststellen, dass es „keinerlei Einigung“ gegeben habe.

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(Samos)

Zentausende Asylsuchende
Auf den griechischen Inseln der Ägäis sind derzeit mehr als 40.000 Asylsuchende untergebracht; darunter auch viele Kinder. Das ganze Jahr 2019 über sind mehr als 65.000 Menschen ohne gültige Reisepapiere von der türkischen Küste aus nach Griechenland gekommen; erster Ankunftsort war in der Regel eine der Inseln in der Ägäis. Ihr Ziel ist es im Normalfall, weiter in ein Land West- bzw. Nordeuropas zu reisen. Ein EU-Türkei-Pakt sieht vor, dass Ankara Immigranten zurücknehmen soll, die kein Recht auf Asyl haben. Voraussetzung dafür ist aber, dass sie von jenem Ort, wo sie erstmals europäisches Territorium betreten haben, nicht weitergereist sind. (Griechenland Zeitung / Elisa Hübel)

 

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